Ausgerechnet Bielefeld

Twitterer @westphal brachte es auf den Punkt: “Wenn Netzkultur zum Mainstream wird”. Aber trotzdem fühlte es sich irgendwie unbefriedigend an.

Ich gebe zu, dass ich gestern zum ersten Mal Wilsberg gesehen habe. Daher weiss ich nicht, ob der Gesamteindruck auf die ganze Serie zu übertragen ist und ob meine Erwartung vielleicht nur zu hoch war, um dem Witz, dem Charme oder der soliden Spannung eine faire Chance zu lassen. Ich frage mich also durchaus: War Wilsberg gut?

Und die Antwort lautet: Naja.

Zugegeben, einige Sprüche waren wirklich originell. Die Krawatten-Szene war ein echtes Highlight, nicht nur des gestrigen Abendkrimis sondern generell des öffentlich rechtlichen Fernsehens seit Wochen. Aber insgesamt war es ein bisschen hölzern. Deutsches Fernsehen halt. Allerdings deutlich über dem Durchschnitt, eindeutig.

Aber schauen wir uns die Story an: Der Verschwörungstheoretiker, der ermordet wird, weil er irgendwie recht hat – wenn auch nicht so wie er dachte. Das ist ein Klassiker. Besonders gelungen thematisiert wurde das in Fletchers Visionen. Es spricht nichts dagegen, dieses Thema neu zu verarbeiten. Man kann viel originelles neues daraus machen. Wilsberg hat das aber nicht wirklich geschafft. Aber selbst das ist legitim. Solide Fernsehunterhaltung, klassische Plots mit interessanten Figuren, reizvollen neuen Schauplätzen und technischen Spielereien neu zu inszenieren, ist vielleicht gerade das, was uns ein beständig unterhaltsames Durchschnittsfernsehen auf hohem Niveau ermöglicht. Und Wilsberg ist zumindest das in eingeschränkter Form gelungen.

Aber Bielefeld? Bei Bielefeld gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Der Zuschauer ist, wie ich, mit der Bielefeldverschwörung aufgewachsen und betrachtet sie als den Klassiker der Verschwörungs-Satire.
  2. Dem Zuschauer ist die Bielefeldverschwörung neu.

Im ersten Fall fiebert man darauf, zu erfahren, was die Drehbuchautoren mit dem an sich schon genialen Stoff geniales neues geschaffen haben. Und aus dieser Perspektive war das einzig überraschende das Ende. Plötzlich war es da. Plötzlich und unerwartet, als man eigentlich auf den Knüller gewartet hat.

Für Kenner der Bielefeldverschwörung fehlte einfach jede Form von Originalität. Eigentlich fehlte auch alles, was die Bielefeldverschwörung originell und genial macht. Es war einfach nur irgendeine beliebige Verschwörung, die als Hintergrund der Hirngespinste des Opfers herhalten musste. Es hätte genauso ein Komplott zum Überfall auf den örtlichen Lebensmittelladen sein können.

Und für den Neuen? Naja, viele Twitterer äußerten sich amüsiert über die Vorstellung, dass Bielefeld garnicht existiere. Aber dennoch fehlten eben die wirklichen rhetorischen Highlights, die der Bielefeld-Verschwörungstheorie bereits innewohnen. Und vor allem fehlte eines: Die Transferleistung zum Thema Verschwörungstheorien an sich. Der eigentliche kulturelle Wert der Bilefeldverschwörung ist, dass sie die grundsätzlichen logischen Fehler des Verschwörungsdenken auf amüsante Weise entlarvt. Denn die Bielefeldverschwörung ist vor allem ein Lehrstück, das auf publikumswirksame Weise zeigt, wie absurd Verschwörungslegenden an sich sind. Dazu ist sie da. Und wenn man sie schon aufgreift, um sie einem breiteren Publikum, das von diesen Themen bisher unberührt geblieben ist, zu präsentieren, dann sollte wenigstens das rüberkommen.

Was übrig blieb, war eine x-beliebige Verschwörungstheorie, die einen Aufhänger für die Hirngespinste einiger Phantasten lieferte, derentwegen sie sich versehentlich in ihren Untergang verrannten. Und da hat die Bielefeldverschwörung ein ganz erhebliches Problem: Sie ist unglaubwürdig. Auch das wohnt ihr inne. Auch das ist gerade das, was sie als lehrreiche Satire ausmacht. Sie führt nämlich vor, welche vermeintliche Überzeugungskraft Verschwörungs-Argumente haben können, selbst wenn die Verschwörungslegende absurd ist. Genau dadurch führt sie vor, wie absurd die Argumentationsstruktur selbst ist.

Sie als ein tatsächlich gelebtes Verschwörungsdenken zu präsentieren, führt genau das ad absurdum. Das Potential des Themas, sein wichtigster Aspekt geht dabei gänzlich verloren. Und so fragt man sich natürlich, weshalb die Wahl ausgerechnet auf die Bielefeldverschwörung fiel.

Auch aus der anderen Perspektive war die Wahl nicht besonders gut: Um eine spannende Krimihandlung aufzubauen, ist es per se nicht glaubwürdig genug, dass jemand wirklich an diesen Mumpitz glaubt.

Nun könnte man mit dem Verweis auf Poes Law einwenden, dass es auch Schwerkraftleugner und Lichtesser gibt. Das stimmt. Aber dann hätte man eine ganz andere Story. Dann möge man bitte auch diese Form von Wahnsinn und vor allem auch Poes Law selbst sorgfältig thematisieren. Daraus einfach unkommentiert einen Hintergrund zu machen, der versehentlich wahr ist, nur aus ganz anderen Gründen, ist einfach zu platt – deshalb, weil das Thema mehr Tiefgang hat als die Autoren überhaupt erkannt haben, und auch deshalb, weil es mit diesem reduzierten Tiefgang einfach unglaubwürdig wirkte. Also eins haben die Macher von Wilsberg geschafft: Sie haben sowohl der Vorlage als auch dem Produkt wirkungsvoll die Luft aus den Reifen gelassen.

Und sie haben noch etwas geschafft: Sie haben mich dazu gebracht, Wilsberg zu gucken. Das könnte eine Marketing-Leistung sein. Nur dazu müsste das Produkt dann auch überzeugend sein. Denn entgegen aller Klischees ist Marketing nicht in der Lage, dem Yeti eine Tiefkühltruhe anzudrehen. Marketing kann lediglich die Neugier des Publikums auf ein an sich schon gutes und nützliches Produkt lenken. Durchsetzen tut sich das Produkt wegen seiner echten Qualitäten, nicht wegen des Marketings. Und speziell für Menschen, die sich für Verschwörungstheorien interessieren, war diese Adaption der Bielefeld-Thematik einfach zu banal.

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One Response to Ausgerechnet Bielefeld

  1. Benno says:

    Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

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