Der Weltuntergang als Transmedia-Soap

Ist der Weltuntergang eine Transmedia-Soap? Gute Frage. Und wenn ja, möchte ich nicht wissen, in welcher Staffel wir uns gerade befinden.

Die Frage stelle ich mir aufgrund eines eigentlich belanglosen Zufalls: Bernd Harder hat in der vergangenen Woche die Himmelsposaunen ausgegraben. Und in der gleichen Woche habe ich mich angeregt durch eine Veranstaltung des Social Media Club Berlin, zum ersten Mal explizit mit dem Thema Transmedia-Storytelling beschäftigt. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass das Lieblingsthema der Apokalyptiker einige wesentliche Charakteristiken dieses Formats aufweist.

Was zum Teufel sind Himmelsposaunen?

Aus aller Welt berichten Menschen von einem rätselhaften Geräusch-Phänomen. Ohne ersichtlichen Grund, ohne ersichtliche Quelle scheint plötzlich der Himmel selbst zu erschallen. Ein dumpfes Dröhnen, gerade an der Hörbarkeitsschwelle erfüllt den Äther. Zahlreiche Videoquellen belegen das Auftreten des Phänomens rund um den Globus, mindestens seit 2009, plötzlich extrem gehäuft in 2011 und zu Beginn von 2012(!).

Niemand hat je eine Quelle lokalisieren können. Experten, die den Ton analysieren, stehen vor einem Rätsel. Doch schließlich fiel ein wirklich beunruhigender Fakt auf: Spielt man eine solche Aufnahme in der dreifachen Geschwindigkeit ab, gleicht sie auf schockierende Weise einem uralten jüdischen Warnsignal, einem Trompetenstoss auf einem traditionellen Hornistrument der israelischen Hirten der späten Bronze- und der Eisenzeit.

Der Zeit, in der sich die Ereignisse des Alten Testaments abspielen.

Ja ich weiss, die Offenbarung des Johannes gehört ins Neue Testament und damit in die Römische Zeit. Aber ich finde, mit dem Alten Testament klingt es irgendwie dramatischer. Und darauf kommt es bei dieser Art von Geschichten an.

Woher kommen die Himmelsposaunen?

Wie es aussieht, entstand diese Geschichte ursprünglich aus einer viralen Marketing-Kampagne für das Computerspiel Mass Effects 3. Darin geht es darum, die Erde gegen Maschinen aus dem Weltall zu verteidigen. Und um die Spannung im Spiel hochzutreiben, kündigt sich die Ankunft dieser Kriegsmaschinen durch eben dieses seltsame Dröhnen an.

Diesen an sich schon wirkungsvollen Spannungsbringer hat das Marketing zum Kernelement der Werbekampagne gemacht. Und zwar ohne zu verraten, wofür eigentlich geworben wurde. Dawoo hat in der Offensive auf den europäischen Markt in den Neunzigern ähnliches gemacht. Eine Weile gab es jede Menge Spots, in denen der Markenname mit positiver Konnotation präsentiert wurde, ohne dass man wusste, dass es um Autos geht. Dadurch hat man die breite Bevölkerung neugierig gemacht und eine Weile zum Rätseln gebracht, bevor die Auflösung verraten wurde. Das hat dazu geführt, dass der Name Daewoo sich relativ schnell in den Köpfen festgesetzt hat und die Produkte nicht wie andere Marken als namenloses asiatische Autos auf den Markt kamen.

Und für Mass Effects 3 ist ähnliches getan worden. Es wurden reichlich vermeintliche Video-Beweise für das Geräuschphänomen produziert und über Youtube und diverse Social Media Kanäle verbreitet. Das hat einige Diskussionen ausgelöst.

Nun ist es so, dass die Kreise, die für derlei Mystery-Phänomene empfänglich sind, nicht vollständig deckungsgleich sind mit den Liebhabern actiongeladener Computerspiele. Somit war klar, dass das ganze auch seine Welle in Apokalyptiker- und Konspirationisten-Kreisen schlagen musste. Ausgerechnet Gestalten der braun angehauchten Esoterik haben sich das Thema gekapert und daraus eine voll ausgearbeitete Weltuntergangs-Legende gestrickt, die sie jetzt ihrerseits über soziale Kanäle verbreiten – mit Video-Dokumentationen, die aus den gefakten Beweisen aus dem Computerspiel-Marketing zusammengeschnitten sind.

Entstehen apokalyptische Legenden über Transmedia-Storytelling?

Man darf gespannt sein, ob und wenn ja wie lange sich diese Story als Nachfolge-Legende nach dem Maya-Kalender halten wird. Aber es zeigt auch etwas über das Entstehen moderner apokalyptischer Visionen. Nämlich, dass diese aus der Eigendynamik, die in sozialen Medien gestreute Gerüchte entwickeln, hervorgehen können.

Auch die letzte poppuläre Weltuntergangs-Legende, der Mayakalender, hat eine lange transmediale und interaktive Geschichte hinter sich. Ursprünglich in den Siebzigern als pseudowissenschaftliches Buch veröffentlicht, hat sie sich über Stammtischdiskussionen, weitere Bücher, fragwürdige Zeitschriften und schließlich Internet-Foren weitergetragen. Dort wurde sie von geschickten Selbstvermarktern wie Dieter Broers aufgegriffen. Und speziell Broers hat es verstanden, sich mit einem geschickten Medien-Mix – Bücher, Vorträge, Internet-Communities – als Weltuntergangs-Guru zu etablieren und seine Geschichte über diese Kanäle in der Interaktion mit seinen Anhängern weiterzuentwickeln.

Es gibt wesentliche Unterschiede. Transmedia-Storytelling setzt normalerweise voraus, dass jeder weiss, das es um eine fiktive Geschichte geht. Trotzdem lohnt es sich, einmal zu fragen, inwieweit dieses Format auch von den Vertretern außergewöhnlicher Behauptungen genutzt wird – und wie man als Skeptiker dieses Format ebenfalls nutzen kann, um dem entgegenzuwirken.

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