Westlich!?

Ich bin immer wieder ein Wenig irritiert, wenn die Presse persönlichen Einsatz für kritisches Denken, methodisch korrekte Wissenschaft und rationale Entscheidungen als etwas seltsames und irgendwie schrulliges darstellt. So verblüffen mich auch die teilweise böswillig anmutenden Suggestivfragen, die in der Berichterstattung über die sechste Welt-Skeptiker-Konferenz auftauchen, ohne dass der konkrete Anlass zu der darin versteckten Kritik erkennbar wäre.

Auch Yvonne Maier vom Bayrischen Rundfunk übt sich in ihrem Bericht in kritischer Distanz. (Ab Minute 11:00.) Das ist legitim, aber einige Formulierungen ärgern mich dabei offen gesagt, insbesondere der explizite Hinweise, dass…

„… grundsätzlich die Skeptikerbewegung eine Bewegung des Westens ist.“

(Minute 11:55)

Zunächst frage ich mich, was „Bewegung des Westens“ überhaupt heissen soll. Unklarer und ungenauer kann man sich eigentlich garnicht ausdrücken. Aber das wirkliche Ärgernis ist die Herabsetzung, die solche Falschdarstellungen für Skeptiker in nichtwestlichen Ländern bedeuten. Denn es ist natürlich Unsinn, dass der wissenschaftliche Skeptizismus etwas „westliches“ ist. Indische Skeptiker ziehen buchstäblich von Dorf zu Dorf, um der armen Landbevölkerung, die keinerlei Zugang zu Bildung und verlässlichen Informationsquellen hat, die Tricks der Fakire zu erklären, damit sie wenigstens die Chance hat, sie zu durchschauen. Und das tun sie nicht, weil die westlichen Skeptikerorganisationen es von ihnen verlangen. Sie tun es, weil sie selbst es nicht ertragen, dass skrupellose Scharlatane ihren Landsleuten das Wenige, das sie haben, mit faulen Tricks aus der Tasche ziehen.

Indische Skeptiker entlarven mit viel persönlichem Aufwand falsche Asketen, die unbedarfte Leute zu lebensgefährlichen Fastenkuren verführen aber sich selbst mit angeklebten Bärten im Schnellrestaurant ihre Speckburger reinziehen. Damit liefern sie auch eine essentielle Grundlage für die Arbeit in einem Europa, in dem Menschen wie Peter Artur Straubinger mit Pseudodokumentationen über Lichtnahrung eine schockierend große Popularität erreichen.  Aber das tun sie nicht für uns, weil wir sie dazu bringen, ihre Kulturgüter im Interesse des Westens zu verraten. Sie tun es vor allem für sich selbst, weil sie als gebildete Menschen es nicht akzeptieren, dass ihre Kultur, auf die sie zu Recht stolz sind, vor allem mit esoterischem Schwachsinn wie „Prana“ in Verbindung gebracht wird. Deshalb sind sie mehr für uns als nicht mehr wegzudenkende Unterstützer. Die Inder sind für uns eine Inspiration, ein Ansporn und ein Vorbild.

Und nicht viel anders ist es mit den Afrikanern, die in Ländern arbeiten, in denen Unschuldige wegen Hexerei von Todesurteilen bedroht sind und Albinos ermordet werden weil ihnen in pulverisierter Form magische Kräfte zugeschrieben werden.

Ist es wirklich nötig, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass wissenschaftlicher Skeptizismus „eine Bewegung des Westens“ ist und diese Leute damit letztlich, wenn man es böswillig interpretiert, zu willfährigen Opfern eines kulturellen Imperialismus zu erklären? Ich denke nicht. Ich denke, dass sie es nicht nötig haben, auf unsere „westliche“ Aufforderung zu warten, wenn es darum geht, Auswüchse von Aberglauben in ihren Heimatländern unerträglich zu finden.

Natürlich ist es in den westlichen Industrieländern leichter, Organisationen zu gründen und Konferenzen abzuhalten. Natürlich sind die Schwellenländer und die Dritte Welt auf diesen Konferenzen unterrepräsentiert, weil nur die Wenigsten sich dort eine Reise nach Europa leisten können. Das heisst aber nicht, dass sie es nötig haben, sich als unsere verlängerte Werkbank zu fühlen. Denn sie leisten viel, unter Bedingungen, die man sich als Mitteleuropäer kaum vorstellen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Skeptiker mir zustimmen würden, wenn ich sagte, dass sie für uns mindestens genauso ein Vorbild sind wie wir für sie.

Aber das ist noch nichtmal das wirklich ärgerliche an solchen Aussagen. Das eigentliche Problem ist, dass sie der dümmlichen aber leider nicht totzukriegenden Ansicht, dass das ja alles nur von der Kultur abhänge, Vorschub leisten. Natürlich ist Wissenschaft und damit auch der wissenschaftliche Skeptizismus kulturunabhängig. Seine Methoden funktionieren überall gleich, und seine Regeln werden von Wissenschaftlern und Skeptikern in aller Welt gleichermassen anerkannt. Die Betonung einer vermeintlichen Westlichkeit leistet vor allem dem wissenschaftsfeindlichen Weltbild der Esoteriker Vorschub,  indem sie international anerkannte wissenschaftliche Standards zu einer Eigenheit einer „westlichen“ Kultur erklärt. Und in der alltäglichen Diskussion wird, auch unter Journalisten, gern übersehen, dass im Grunde erst damit die wirkliche kulturelle Arroganz anfängt. Denn es zeichnet nicht nur das Zerrbild von überheblichen europäischen Wissenschaftlern, die dem Rest der Welt ihr „Weltbild“ aufzwingen. Es spricht auch Wissenschaftlern und Skeptikern in nichtwestlichen Ländern die Fähigkeit, unabhängig von ihren kulturellen und religiösen Weltbildern rational und analytisch zu arbeiten, ab. Und es erklärt pauschal jeden obskuren Schnökes, der in ihren Ländern sein Unwesen treibt, zu einem Bestandteil ihrer Kultur, der ihnen heilig zu sein hat.

Wenn solche vermeintlich aufgeklärten und differenzierten Hinweise durch die Presse geistern, steckt dahinter sicher kein böser Wille. Aber es sind genau die Formulierungen, mit denen Esoteriker systematisch wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditieren, um ihre kruden Behauptungen zu verteidigen. Und das tun sie vor allem auf Kosten der Kulturen, aus denen sie sich hemmungslos bedienen, wenn sie ihre absurden Weltbilder zusammenzimmern. Deshalb ist es ärgerlich, wenn westliche Journalisten das aus Gedankenlosigkeit und falschverstandener Rücksicht auf andere Kulturen leichtfertig übernehmen.

Wissenschaft und wissenschaftlicher Skeptizismus sind nichts westliches sondern etwas, zu dem Leute aus allen Kulturkreisen gleichberechtigt beitragen.

 

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