Die HBX-Stadtbrauerei

…am Aegi in Hannover

Man könnte jetzt trefflich diskutieren, was Salat auf einem Currywurst-Teller zu suchen hat. Fakt ist jedoch, daß die fein mit Ketchup benetzten Rucola-Blättchen in diesem Menü eindeutig das Tüpfelchen auf dem i waren. Die Ketchup-Soße, die nicht unbedingt spektakulär aber recht gut war, schmackhaft wenngleich etwas ohne Profil, entfaltete im Kontrast zur vegetabilischen Bitterkeit des Salats erst richtig ihre tomatige Fruchtigkeit. Ein wirklich fantastisches Arrangement aus bitter und süß, aus vegetabilisch und fruchtig, aus gesund und lecker. Wenn das HBX Brauhaus seine C-Wurst mit gehacktem Rucola bestreut servieren würde, könnte der Laden glatt Kultstatus entwickeln.

Möglicherweise ist „Gegensätze ziehen sich an“ ein grundlegendes Konzept. Aber auch das wäre keine Entschuldigung dafür, zum selbstgebrautem Bier einen industriell gefertigten Schweineprängel mit Geschmacksverstärker zu reichen.

Widmen wir uns zunächst dem Bier, denn das ist wirklich einen Besuch wert. Wer das HBX-Hausgebräu bestellt, bekommt etwas deutlich anderes als das, was der durchschnittliche Heide-Bürger normalerweise erwartet, wenn es Gerstensaft Pilsener Brauart bestellt. Die dunkelorange Färbung erinnert an Bernstein; die flache, dichte rötlich weiße Blume kündet bereits vom niedrigen Kohlensäuregehalt und der seidig-öligen Textur. Überwältigend ist dann der ganz von süßen, leicht malzigen, sich sofort am Gaumen ausbreitenden Fruchtnoten – Quitte mit etwas Stachelbeere – dominierte Anklang. Wer die herbe und würzige Frische eines norddeutschen Pils erwartet hat, stutzt zunächst. Würzigkeit entsteht nicht so sehr durch den Hopfen sondern eher durch den nussigen und ganz leicht rauchigen Eindruck im Abgang und sehr dezente Gewürznoten im Hintergrund. Der Hopfen zeigt sich zunächst auch erst nur leicht im Abgang.

Die feinen Blasen kribbeln ob der leicht dickflüssigen Textur nicht sondern reizen Zunge und Gaumen unterschwellig gerade so, daß daß das Bier nicht schwer und süß sondern ausgewogen und durstlöschend wirkt. Diese Ausgewogenheit zwischen Textur und Kohlensäuregehalt – noch dazu vom ersten bis zum letzten Schluck – sucht ihresgleichen.

Mit der Zeit verschiebt sich das Geschmackserlebnis. Die betont gefälligen Fruchtnoten – die sonst mit der Zeit wahrscheinlich langweilig würden – weichen nach und nach rustikalem Karamell mit ganz leichten Röstnoten. Von Schluck zu Schluck bildet sich ein immer längerer Abgang, in dem Hopfen und Karamell eine überraschend harmonische Allianz eingehen, heraus.

Vor diesem Hintergrund wird auch die im Kontrast zur recht würzigen Wurst auffallend milde, fast langweilige Soße und der recht sparsam eingesetzte eher milde, süßliche Curry verständlich. Zwischen der milden Süße der Soße und des Bieres, den Röstnoten der Wurst, der für Ketchup fast etwas dünnflüssigen Konsistenz der Soße und der leichten Öligkeit des Bieres entsteht ein wirklich gelungenes Zusammenspiel auf den Ebenen von Aroma und Textur. Daß dieses primär der Regel von Harmonie zwischen gleichartigen Charakteristiken folgt, ist zunächst kein Nachteil. Erst auf den letzten Zentimetern der Wurst entsteht möglicherweise der Eindruck von Eintönigkeit. Hier ist der Rucola das Mittel der Wahl, um in die Harmonie der Gleichartigkeit eine Harmonie der Gegensätze einzubringen und dem Ganzen insgesamt noch etwas mehr Pfiff zu verleihen.

Danke für die Salatbeilage!

Die Wurst an sich war eine qualitativ eher hochwertige Supermarkt-Wurst, an der die Zugabe an Geschmacksverstärker der einzige wirkliche Kritikpunkt ist. Zunächst hat sie dadurch zwar ein positives, würzig fleischiges Aroma. Mit der Zeit merkt an aber doch, daß es nur Fassade ist. Zubereitet ist sie gut. Das Brät ist saftig und hat genau die richtige Konsistenz. Der relativ hohe Fettgehalt belastet vielleicht das Gewissen, ist dem Geschmack aber eher zuträglich. Die Pelle ist nicht zäh, bietet beim Zubeißen aber gerade den Widerstand, den es braucht um nicht breiig zu wirken. Im eben beschriebenen Gesamtkonzept ist die Würze und das Fett-Aroma fast zu dominierend um dem oben beschriebenen Zusammenspiel der Aromen ausreichend Raum zu lassen. Es bleibt zu hoffen, daß HBX irgendwann die Großmarkt-Wurst durch ein etwas milderes aber dafür von sich aus fleischiges Produkt von einem hochwertigen Metzger ersetzt, gern auch eins mit nennenswertem Rindfleisch-Anteil. Das wäre sicher die angemessenere Würze in diesem Gesamtkonzept.

Die Pommes Frites kamen offensichtlich aus der Tüte. Sie waren knusprig und schmackhaft. Aber sie waren so sehr Standard-Pommes, daß man als Ingenieur unwillkürlich nach der Seriennummer zu suchen beginnt. Auch hier ging der individualistische Charakter des Brauhaus-Konzeptes flöten. Das größere Problem ist jedoch, daß die Pommes Frites das Geschmackskonzept vollkommen sprengen. Das fettige Kartoffel-Aroma nimmt dem Bier gänzlich seine Frucht- und Karamell-Noten – oder anders formuliert alles, was es interessant macht. Wenn es unbedingt Pommes Frites sein müssen, wäre ein kräftigeres Bier anzuraten. Aber da das Pils eigentlich das besondere in diesem Menü ist, wäre es eher anzuraten, einfach Brot oder vielleicht gekochte Kartoffeln zur Wurst zu bestellen.

Insgesamt ist HBX positiv zu bewerten – nicht zuletzt auch durch reizvolles Bar-Ambiente, schönes Erscheinungsbild des Essens auf dem Teller und freundliches Personal – was allerdings bei dem Kontrast zwischen Marketing mit hauseigenem Bier und Essen aus der Tiefkühltruhe ein wenig gekünstelt und unauthentisch wirkt. Da die Wurst Geschmacksverstärker enthält, kann das Urteil nicht besser als „durchschnittlich“ lauten. Doch das ist durchaus verdient. Die kleinen Schönheitsfehler und Disharmonien sind dem Genuß letztlich nicht abträglich und liefern vielleicht Anlaß zur Weiterentwicklung. Potential, um etwas besonderes zu bieten, ist vorhanden.

 

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