Teilweise unschuldig

Vor einigen Wochen starb eine Schweizerin bei dem Versuch, sich in einer radikalen Fastenkur auf “Lichtnahrung” umzustellen. Der österreichische Regisseur Peter Artur Straubinger sah sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, sein Dokumentarfilm “Am Anfang war das Licht” habe hierzu beigetragen. In einer eilig auf der Facebook-Seite zum Film veröffentlichen Erklärung wies Straubinger jede Mitverantwortung von sich.

Am Montag wurde dort ein auf den ersten Blick entlastendes Zitat aus einer Stellungnahme des verantwortlichen Staatsanwalts Dr. Thomas Bürgi veröffentlicht:

“Eine adäquate Kausalität zwischen dem Film und dem Tod der Frau kann sicher ausgeschlossen werden.”

Nun, offensichtlich macht die Schweizer Justiz Straubinger nicht direkt für den tragischen Vorfall verantwortlich. Zunächst ist das nicht weiter überraschend. Der Vorwurf an Straubinger ist die Verbreitung eines abergläubischen und wissenschafttsfeindlichen Weltbildes. Dass es um eine Form von Aberglauben geht, die schon vor der Produktion des Films zu Gesundheitsschäden, teilweise bis zum Tod geführt hat, kommt zwar erschwerend hinzu. Eine zivil- oder strafrechtlichen Haftbarkeit war aber nicht Gegenstand der Diskussion. Dass keine unmittelbare Verursacherschaft vorliegt war auch den Kritikern klar. Straubingers Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft ist also – genau wie die gebetsmühlenartige Beschwörung seiner Fans, dass jeder selbst für seine Handlungen verantwortlich sei – ist also eine reine Strohmann-Argumentation.

Aber bestätigt Bürgi wirklich, dass es aus juristischer Sicht keinen Zusammenhang zwischen dem Film und dem Hungertod der Schweizerin gibt?

Auch dem Laien fällt auf, dass Bürgi ausdrücklich eine “adäquate Kausalität” ausschließt. Ist das Juristenschyzerdüütsch für “kein Zusammenhang”? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Und es wäre grobe Schludrigkeit, das Adjektiv “adäquat” einfach zu überlesen oder als Floskel zu verstehen.

Es lohnt sich dazu, einen genaueren Blick in den Wikipedia-Artikel zum Thema Adäquanz zu werfen. Der Begriff der Adäquanz hat sowohl im schweizerischen als auch im deutschen Zivil- und  Strafrecht eine Bedeutung bei der Beurteilung der Ursächlichkeit einer Handlung für die Folge. Der Handelnde muss nur dann juristisch für die Folge haften, wenn nicht nur eine allgemeine sondern auch eine adäquate Kausalität gegeben ist. Die Überprüfung erfolgt in zwei Schritten:

  1. Es wird festgestellt, ob die Handlung (in diesem Fall das Vorführen des Films) kausal für die Folge (in diesem Fall Hungertod aufgrund von Falschinformation) war, also zweifelsfrei als deren Ursache angesehen werden kann.
  2. Erst wenn das tatsächlich gegeben ist, wird geprüft, ob diese Folge auch vorhersehbar gewesen wäre.

Ein klassisches Beispiel ist der Herzinfarkt infolge eines Schrecks. Der Enkel, der seinen Großvater im Scherz erschreckt, kann nicht vorhersehen, dass der herzkranke Großvater deswegen einen tödlichen Herzinfarkt erleiden wird. Landläufig würde man in diesem Fall von einem tragischen Unglück sprechen. Den Enkel würde man nicht direkt für den Tod des Großvaters verantwortlich machen, schon garnicht zivil- oder strafrechtlich. Hätte der Enkel aber von der Herzkrankheit gewusst oder wissen müssen, würde man trotzdem von lebensgefährlichem Leichtsinn und grober Verantwortungslosigkeit sprechen. Das ist im Groben die wichtige Unterscheidung zwischen juristischer Haftbarkeit und moralischer Verantwortung, die sich in dem juristischen Konstrukt der “adäquaten Kausalität” versteckt.

Wie ist also Bürgis Aussage zu verstehen? Ich bin zwar kein Rechtsexperte, aber es scheint mir ziemlich eindeutig, dass Bürgi lediglich ausschließt, dass Straubinger den Todesfall direkt hätte vorhersehen müssen. (Was ihm von seinen Kritikern auch nicht vorgeworfen wird.) Dass der Begriff “adäquate Kausalität” Anwendung findet, bedeutet aber, dass grundsätzlich eine Kausalität vorliegen muss. Denn sonst würde deren Adäquanz garnicht geprüft. Der Film ist juristisch also als direkter Auslöser des Todesfalles anzusehen. Und nur weil diese Folge nicht direkt vorhersehbar war, ist Straubinger auch nicht direkt dafür verantwortlich zu machen.

Auf gut Deutsch bestätigt die zuständige Staatsanwaltschaft also, dass der Film gefährlich ist. Und da Skeptiker schon lange auf diese Gefahr aufmerksam machen, ist diese Unvorhersehbarkeit, hinter der Herr Straubinger sich da juristisch verschanzt, ein ziemlich dünner Schleier.

Nun ja, dies ist meine zugegebenermassen laienhafte Interpretation der juristischen Zusammenhänge. Straubingers Anhängerschaft sieht das natürlich etwas anders und betont wie gewohnt, dass jeder für sich selbst verantwortlich und alles andere nur eine Hexenjagd sei.

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2 Responses to Teilweise unschuldig

  1. silver price says:

    Nun, offensichtlich macht die Schweizer Justiz Straubinger nicht direkt für den tragischen Vorfall verantwortlich. Zunächst ist das nicht weiter überraschend. Der Vorwurf an Straubinger ist die Verbreitung eines abergläubischen und wissenschafttsfeindlichen Weltbildes. Dass es um eine Form von Aberglauben geht, die schon vor der Produktion des Films zu Gesundheitsschäden, teilweise bis zum Tod geführt hat, kommt zwar erschwerend hinzu. Eine zivil- oder strafrechtlichen Haftbarkeit war aber nicht Gegenstand der Diskussion. Dass keine unmittelbare Verursacherschaft vorliegt war auch den Kritikern klar. Straubingers Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft ist also – genau wie die gebetsmühlenartige Beschwörung seiner Fans, dass jeder selbst für seine Handlungen verantwortlich sei – ist also eine reine Strohmann-Argumentation.

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