Astrologische Hütchenspiele

Um einen ernstzunehmenden Berufsstand überflüssig zu machen, braucht es entweder gut ausgebildetes Personal aus Niedriglohnländern oder einen elementaren technischen Fortschritt. Bei Astrologen und anderen Kaffeesatzlesern reicht dagegen bereits eine gut sortierte Zoohandlung. So hatte schon Krake Paul eine Trefferquote von der die professionellen gewerblichen Zukunftsdeuter nur träumen konnten. Und wie es scheint, traut sich die “Berater”-Branche zur diesjährigen Fussball-EM plötzlich nicht mehr zu, was für Fifi, Waldi und Hasso mittlerweile zur Routine geworden ist: konkrete, überprüfbare Vorhersagen.

Eigentlich ist damit schon alles zum Thema Astrologie gesagt. Aber es ist Samstag. Und da kann man sich ruhig mal die Zeit nehmen, sich die öffentlichen Stellungnahmen etwas genauer anzusehen. Denn die rhetorischen Ausweichmanöver der Esoterikbranche sind immer wieder bemerkenswert. Und natürlich gibt die Zunft auch dieses mal wieder nicht zu, was eigentlich offensichtlich zutage liegt: ihr vollkommenes Unvermögen, irgendeine irgendwie nützliche Aussage zu treffen, das derart offensichtlich ist, dass es viel lustiger ist, absurde Kleintiere darauf zu dressieren, ihre Arbeit zu machen, als ihrem pseudokompetenten Geschwafel zuzuhören. Stattdessen bezieht jeder seine ganz individuelle Ausweichstellung. Und wie das funktioniert, ist dann doch schon wieder beiläufig interessant.

Winfried Noé – da Michael Kunkel darüber berichtet, muss ich ihn hier nicht nochmal verlinken – versucht sich in der altbekannten Strategie der medialen Vulgärprognostiker: spektakuläre Prognosen, die für den Moment große Aufmerksamkeit erzeugen aber dann, wenn sie nicht eingetreten sind bereits in Vergessenheit geraten sind, weil sie von anderen Nachrichten längst verdrängt wurden. Wie er die Dynamik der Fussball-EM ausnutzt, kann man nur als geschickt bezeichnen. Kurz vor Beginn, währen die Medienwelt bereits von der Vorfreude auf das große Ereignis geprägt ist, es aber noch an wirklich bemerkenswerten Nachrichten mangelt, mischt er sich mit nebulösem Fabulieren über eine dunkle Bedrohung, die möglicherweise (man beachte den Konjunktiv) das freudige Ereignis überschatten könnte. Und natürlich kann er voll und ganz darauf vertrauen, dass dann, wenn die spannenden Spiele laufen, niemand mehr einen Gedanken daran verschwenden wird. Und danach wird sein Geunke sowieso längst vergessen sein.

Es sei denn, es tritt tatsächlich irgendeine ernstzunehmende Tragödie ein. dann hätte er geradezu kassandrisch davor gewarnt. Gute Arbeit, Herr Noé. Ich meine jetzt nicht im Sinne einer großen Vision oder gar einer brauchbaren Prognose. Aber im Sinne eines handwerklich solide gemachten lauwarmen Samstagabend-Unterhaltungsprogrammes allemal. Wenn ich ARD-Intendant wäre, kämen Sie direkt zwischen Achim Menzel und Carolin Reiber. (Vorausgesetzt, die beiden leben noch. Ich bin in Ihrem Zweig der Unterhaltungsbranche nicht auf dem Laufenden.)

Jasmin Rachlitz wird derweil Opfer des Decline-Arguments. Mit vielen Worten sagt sie das, was man gerade noch nicht mehr durch Evidenz wiederlegen kann. Mit anderen Worten: Nichts. Auch das ist eine altbekannte rhetorische Strategie in Schwurbler-Kreisen. Aber gerade deshalb ist es verwunderlich, dass sie immer wieder als letzte Rettung genutzt wird. Denn eigentlich sollte sich auch unter den Schwurblern mittlerweile herumgesprochen haben, dass es bei dieser Methode zwangsläufig ist, dass der eigene Standpunkt kraft zunehmender Evidenz nach und nach zu dem wird, was man sagt: Nichts.

Auch die zweite Nicht-Prognose, die Kunkel aus der Astro-Woche zitiert, ist ein alter Bekannter. Nennen wir ihn das astrologische Hütchenspiel. Prinzipiell funktioniert es ähnlich wie das Geschwurbel von Rachlitz: Man versucht eine Aussage zu machen, mit der man möglichst nicht falsch liegen kann, die aber trotzdem möglichst intelligent klingt. Der methodische Unterschied ist, dass hier die Grundaussage prinzipiell falsifizierbar ist und man eher durch statistische und rhetorische Kosmetik dafür sorgt, dass man möglichst einen Treffer landet aber auch nicht blöd aussieht, wenn man danebenhaut.

Das zugehörige Backrezept würde ungefähr folgendermassen lauten:

  1. Man nehme eine prinzipiell falsifizierbare Aussage. Diese wähle man so aus, dass die Chance, dass sie zutrifft möglichst groß ist, idealerweise oberhalb von 50%. Dann hat man eine große Chance, recht zu behalten, und kann anschließend für sich in Anspruch nehmen, bei einer falsifizierbaren Aussage richtig gelegen zu haben.
  2. Man formuliere diese Aussage so, dass es klingt, als wäre es etwas ganz besonderes, wenn diese Aussage zutreffen würde – auch wenn die Wahrscheinlichkeit in Wahrheit über 50% liegt. Bloss keine Hemmungen, die Realität mit Suggestivformulierungen zurecht zu biegen.
  3. Man formuliere dies alles im Kunjunktiv oder verweise alternativ darauf, dass es nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage ist. Dann hat man selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Grundaussage nicht zutrifft, nichts prinzipiell falsches gesagt.

In der Astro-Woche klingt das Ergebnis dieser Bemühungen so:

Der Sieger des zweiten Halbfinales wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Turnier gewinnen.

Eine wahrhaft prophetische Leistung!

Dann war da noch Christiane Durer mit einer ebenfalls bekannten und beliebten Taktik: der Leeraussage. Man sagt einfach etwas, was wahnsinnig konkret klingt, aber in Wirklichkeit genau garnichts aussagt. Zumindest nichts besonderes. Altbekannt sind die Fernseh-Wahrsager, die mit viel Brimborium Rauch am Horizont aufsteigen und Mütter weinen sehen – und ein paar Monate später irgendeinen x-beliebigen Unfall oder Krieg nehmen, den sie damit vorhergesehen haben wollen. Getreu diesem Motto will Durer vorhersehen, dass es während der EM zu einem großen Streit kommt. Das ist doch mal echt konkret.

Und dann natürlich noch jede Menge Hätte-Wäre-Wenn von jedem, der sich irgendwie berufen fühlt – hauptsache nichts konkretes auf das man festgenagelt werden könnte.

Aber einer hat sich dann doch noch ein bisschen mehr Mühe mit seiner Ausrede gegeben: Markus Termin hat zwar keine mediale Bedeutung. Aber immerhin findet man ihn manchmal im Kommentarteil bei Scienceblogs-Artikeln. Und er beherzigt das Motto willst Du gelten, mach Dich selten.

Wenn wir Stundenhoroskope nehmen, brauchen wir einmal jemanden, der/die fragt: “Wird mein Favorit gewinnen?” – und natürlich müssen wir den Favoriten kennen.

Nur, wenn solche Fragen eingehen, mache ich EM-Vorhersagen für die betreffenden Spiele.

Ein Stundenhoroskop ist gewissermassen das astrologische Pendant zu einem Stundenhotel. In der Stundenastrologie geht es darum, anhand des Geburtshoroskops einer Person und des sogenannten Augenblickshoroskops eines bestimmten Zeitpunktes festzustellen, ob dieser Zeitpunkt für diese Person günstig ist, um irgendetwas bestimmtes zu tun. Ein Bundestrainer mit Horoskopfimmel hätte am Samstag zum Beispiel seine Mannschaftsaufstellung danach ausgewählt, für welchen Spieler 20:45 besonders günstig für ein internationales Fußballspiel ist.

Jeder, der die Astrologie ernst nimmt, hätte sich trefflich darüber auslassen können, welcher Spieler am Samstag mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Tor schießen wird. Alternativ hätte man auch über Mannschaftshoroskope oder ähnlich aberwitzige Konstruktionen ein Spielergebnis vorhersagen können.

Letzteres macht Termin dann auch auf einige Anfragen von Lesern hin. Warum er dazu aber erst jemanden braucht, der ihm irgendeine Favoritenmannschaft vorsagt, bleibt allerdings im Dunkeln. Ich dachte immer, beim Fussball wäre jede Mannschaft der Favorit von irgendwem. Ich schätze, die Anzahl derer, für die Deutschland der Favorit ist, ist achtstellig.

Aber egal. Immerhin hat er zumindest einigermassen einen Treffer gelandet.

Ja, Deutschland wird siegen, allerdings nicht leicht und nicht überwältigend.

Nun ja, es passt. Allerdings gab es sicherlich auch eine achtstellige Anzahl ähnlichklingender Vorhersagen. Ein Ergebnis, wie Termin es beschreibt, war schlicht und einfach zu erwarten. Und er beschreibt es so vage und diffus, dass auch bei ihm die Trefferwahrscheinlichkeit weit über 50% liegt. Und nur durch Geschwurbel darüber, welche Planetenstellungen man alles angeblich berücksichtigen müsse, um auf ein solches Ergebnis zu kommen, verleiht er diesem eine Scheingenauigkeit und gibt einem das Gefühl, er habe eine präzise Analyse angestellt und mitten ins Schwarze getroffen.

Letzten Endes spielt er also auch nur das astrologische Hütchenspiel. Nur mit etwas mehr Brimborium. Und etwas geschickter.

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