Etwas unterbelichtet

Ich werde immer wieder gefragt, wie man ernsthaft an Lichtnahrung glauben kann. Und bis heute musste ich darauf immer antworten, dass ich mir das beim besten Willen leider auch nicht erklären kann. Aber dann habe ich in der Bahnhofsbuchhandlung in einer Esoterik-Zeitschrift geblättert. Und selbst dies kann dann und wann tatsächlich erhellend sein.

Die Hypothese lautet: Man kann sich ausnahmslos jeden Blödsinn plausibel und glaubwürdig reden, indem man hinreichend ungenau mit naturwissenschaftlichen Fakten umgeht. Lichtnahrung ist graduell gesehen ein außergewöhnlich großer Blödsinn. Und entsprechend groß muss dann die Ungenauigkeit sein. Aber auch das klappt.

Missbrauchte Naturwissenschaft

In besagter Schmonzette wurden – mit der schon erwähnten Ungenauigkeit – die Forschungsergebnisse eines gewissen Professor Popp wiedergegeben. Ich gebe zu, dass dieser Name lustig klingt, aber er ist keine Verballhornung. Fritz-Albert Popp ist eine ambivalente Figur der Naturwissenschaften. Er hat zumindest eine wichtige und verblüffende Entdeckung gemacht. Aber er hat sich leider, wie das öfter passiert, verleiten lassen, in unhaltbare Spekulationen abzudriften, was sein wissenschaftliches Ansehen zunichte gemacht hat – obwohl ihm für seine Entdeckung, wenn sie in ein insgesamt ernstzunehmendes wissenschaftliches Lebenswerk eingebettet wäre, schon einiger Ruhm zugestanden hätte.

Die Entdeckung ist, dass lebende Materie in sehr kleinen Mengen Lichtquanten abstrahlt. Man spricht von ultraschwacher Photonenemission oder auch von ultraschwacher Zellstrahlung. Und die hat nichts mit dem Licht zu tun, das Glühwürmchen oder Anglerfische erzeugen. Es ist eine extrem schwache elektromagnetische Strahlung, deren Wellenlänge sich ungefähr mit dem sichtbaren Bereich deckt, die aber viel zu schwach ist, um selbst bei absoluter Dunkelheit gesehen zu werden. Und sie wird von jeder normalen Zelle vollkommen ohne Leuchtstoffe irgendeiner Art abgestrahlt.

Die Gründe sich nicht geklärt, und das Phänomen ist faszinierend. Aber man kann das alles auch woanders nachlesen. Was ich an dieser Stelle speziell interessant finde, ist, wie man an diesem Beispiel nachvollziehen kann, wie aus echten wissenschaftlichen Fakten durch ein ausreichendes Maß an Ungenauigkeit, mangelnder Sorgfalt und auch einem ausreichend großem Maß an Ignoranz gegenüber der Unterscheidung von richtiger und falscher Darstellung eine Begründung für einen wirklich haarsträubenden Unfug wird.

Die belegbaren Fakten

Zellen senden gelegentlich Lichtquanten aus. Gemessen wurden bisher Strahlungsintensitäten zwischen einem und 1000 Photonen pro Quadratzentimeter und Sekunde. Das bedeutet, dass eine einzelne Zelle im Durchschnitt etwa ein Photon pro Monat abstrahlt. Dieses Phänomen scheint unabhängig davon zu sein, ob die Zelle von Tieren oder Pflanzen stammt. Die Ursachen sind ungeklärt. Hypothesen, dass die Quanten aus dem Zellkern bzw. der DNA stammen, konnten bisher nicht bestätigt werden.

Die Darstellung durch Verfechter von Lichtnahrung

Die Biophysik hat festgestellt, dass lebende Zellen Licht ausstrahlen.

Man beachte den suggestiven Charakter. Die Aussage ist zwar prinzipiell richtig, aber wahrscheinlich würde niemand bei einem Photon pro Monat von “Licht ausstrahlen” sprechen. Gerade esoterikbegeisterte Menschen, die bekanntlich mit Vorliebe Verben wie “strahlen” oder “leuchten” benutzen, dürften sich bei dieser Formulierung etwas ganz anderes vorstellen als tatsächlich in der Realität passiert.

Die esoterische Schlussfolgerung

Wir sind Lichtwesen.

Ernsthaft, es gibt Internet-Seiten, auf denen aus dem “Sachverhalt” aus dem vorigen Abschnitt DAS geschlossen wird. Und auch der Artikel, der mich zu dieser kleinen Recherche inspiriert hat, hat so argumentiert. Zwar etwas eloquenter aber letztlich genau so.

Fairerweise müsste man dazu sagen, dass die ultraschwache Photonenemission erstmalig bei Zwiebeln nachgewiesen wurde. Nach dieser Logik wären also vor allen Dingen Zwiebeln Lichtwesen. Aber waschechte Esoteriker würden dann wahrscheinlich sagen, dass letztlich alles Leben strahlt und deshalb prinzipiell alle Wesen Lichtwesen seien. Esoteriker haben sich noch nie gescheut, sich selbst oder ihre Klienten zu etwas ganz besonderem zu erklären und gleich im nächsten Satz zu erläutern, dass ausnahmslos jedes Lebewesen im Universum auf genau die gleiche Art und Weise besonders sei. Also lassen wir das mit den Zwiebeln.

Und das schamlose Umkrempeln der Kausalität…

Eigentlich ist das schon absurd genug. Aber um zur Lichtnahrung zu kommen, braucht es nur noch eines einzigen Schachzuges. Und der ist nichtmal besonders schwierig. Man muss nur einfach mal eben die (falsch verstandene) Ursache mit der (nicht vorhandenen) Wirkung vertauschen.

Wenn man mit Logik an die Sache herangeht, muss man sich wahrscheinlich mental von innen nach außen stülpen, um diesen Gedankenschritt nachzuvollziehen. Aber in Esoterik-Kreisen scheint es Konsens zu sein, dass Licht abstrahlen bei Bedarf gleichbedeutend mit Licht empfangen ist. Und auch Esoteriker wissen, dass Licht irgendwas mit Energie zu tun hat. Und damit ist – zumindest für manche Menschen – hinreichend erklärt, weshalb man sich von Licht ernähren können soll.

Profane Menschen würden jetzt einwenden, dass aus dieser Logik genauso folgt, dass man eine Taschenlampe wieder aufladen kann, indem man sie anleuchtet. Aber Taschenlampen sind anscheinend keine Lichtwesen. Obwohl sie auch Licht abstrahlen.

…gut abgeschmeckt mit ein bisschen Geschwurbel

Da Esoterik vom Phrasendreschen lebt, wird diese Schlussfolgerungskette freilich selten so klar und geradlinig wiedergegeben. Gerade der letzte Gedankenschritt ist so offensichtlich blödsinnig, dass man ihn schon mit ein paar der üblichen Worthülsen aufhübschen muss. Eine klassische Gedankenkette, die für die notwendige Scheinglaubwürdigkeit sorgt, könnte in etwas so aussehen:

  1. Wir sind Lichtwesen, weil unser Licht leuchtet – und zwar bis auf die Ebene unserer Zellen!
  2. Mit Biophotonen (so nenne ich die jetzt einfach mal, weil die ja aus Lebewesen kommen) kann man ganz tolle Sachen machen. Zum Beispiel kann man damit gute Bionahrungsmittel von böser Lebensmittelchemie unterscheiden. Das hab ich zumindest irgendwo gehört. Damit ist ja wohl bewiesen, dass Biophotonen etwas ungeheuer gutes sind.
  3. Unser Zell-Licht bildet dann auch unsere Licht-Aura. Ist ja klar.
  4. Und da unsere Licht-Aura auch als Lichtkörper bezeichnet wird, habe ich ja wohl endlich eine handfeste physiologische Bedeutung suggeriert.
  5. Aber um sicher zu gehen, weise ich trotzdem nochmal darauf hin, dass die Aura ein feinstoffliches Energiefeld ist.
  6. Und weil das bei feinstofflichen Energiefeldern eben so ist, muss ich nur meine geistigen Fähigkeiten üben, um damit die Biophotonen als Nahrung aufnehmen zu können. (Richtig, jetzt kommen die plötzlich von außen. Aber so genau guckt ja sowieso keiner hin.)

Ich verstehe, dass es beim Beispiel Lichtnahrung wirklich schwer ist, es zu glauben. Aber es ist tatsächlich so. Wenn man von der Gier nach dem nächsten Mysterium angetrieben ist und bei jedem einzelnen Gedankenschritt nur das raushört, was man hören will, nämlich einen Hinweis auf ein Wunder, und das glaubt, was sich richtig anfühlt anstatt zu hinterfragen, ob es richtig ist (das ist natürlich der eigentlich wesentliche Punkt), dann glaubt man am Ende tatsächlich an Lichtnahrung.

Und da ich mir beim Essen keinen Sonnenbrand holen will, mache ich mir jetzt eine anständige Currywurst.

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6 Responses to Etwas unterbelichtet

  1. Catio says:

    Das ist ein ganz toller und ausführlicher Artikel über die Entstehung esoterischen Aberglaubens und dem dazugehörenden Geschwurbel. Ich wollte darüber schon immer mal einen Artikel schreiben. Die Frage ist allerdings nach wie vor, wieso so viele Menschen für diesen verdrehten Schwachsinn so anfällig sind. Hat da der Staat nach dem 2. Weltkrieg schlichtweg versäumt, neben den doch recht ordentlichen Fächern auch kritisches Denken zu fördern? Ich werde bei Gelegenheit der Frage mal nachgehen. Jedenfalls habe ich jetzt endlich mal einen Blogartikel gefunden, wo das recht einleuchtend erklärt ist 😉

    • Aiko says:

      Och, das kritische Denken ist doch so kalt und nackt. Was sollen da denn die Schulen und der Staat dabei. Kritisches Denken lernt man nur durch kritische Denker. Die sind so selten wie die Lichtquanten aus den Zellen.

    • Freut mich, dass er Dir gefällt 🙂

      Die Frage, was Menschen für Esoterik anfällig macht, ist eine interessante Frage. Ich denke, dass ich auf absehbare Zeit dazu auch mal was schreiben werde. Aber es ist einerseits ziemlich leicht, darüber zu spekulieren. Und andererseits ist es ziemlich anspruchsvoll, ein solides wissenschaftliches Fundament dafür zu finden.

      Ich denke auch, dass die Förderung kritischen Denkens in der Schulbildung eine wesentliche Rolle dabei spielt – im Positiven wie im Negativen

  2. Pingback: Neue Blogroll-Einträge « Der Nesselsetzer

  3. Violet Teki says:

    Auch wenn ich das im Artikel geschriebene nicht so sehe wie du, auch wenn ich Dir teilweise rechtgebe, aber auf diese Diskussionen lasse ich mich nicht mehr wirklich ein.
    Ich stehe esoterischen, spirituellen Denkweisen sehr offen gegenüber, das Erlernen von Lichtnahrung vom breiten Publikum halte ich auch für unglaubwürdig, wenn ich aber nicht ausschließen mag, dass es manchen, sehr spirituellen Menschen gelingen könnte.

    Eigentlich wollte ich nur festhalten, dass es immerhin ein Tier gibt, das Photosynthese betreibt:

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/detritus/photosynthese/2010-07-13/das-einzige-tier-das-photosynthese-betreibt

    • …aber auf diese Diskussionen lasse ich mich nicht mehr wirklich ein.

      Okay. Aber wozu dann der Kommentar?

      Eigentlich wollte ich nur festhalten, dass es immerhin ein Tier gibt, das Photosynthese betreibt

      Ja, und Menschen können das nicht. Ich verstehe den Bezug zum Thema nicht.

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