Götterspeise und Götterteilchen

Auch wenn die Presse es ständig behauptet – niemand, der ensthaft etwas von Wissenschaft versteht, würde das Higgs-Boson als “Gottesteilchen” bezeichnen. Ich nehme an, nichtmal Theologen kämen auf so eine Idee. Solche Sprüche sind wohl eher als Zeichen journalistischer Inkompetenz zu betrachten.

Ganz interessant ist aber, wenn man den Wikipedia-Artikel über das Higgs-Boson liest, woher diese Fehlbezeichnung eigentlich kommt. Ein Buch über das Higgs-Boson sollte eigentlich “The Goddamned Particle” (Das gottverdammte Teilchen) heissen. Und der Verleger machte eigenmächtig daraus “The God Particle” (Das Gott-Teilchen). Und diese publizistische Frechheit hat es tatsächlich zur Popularität von Dan Browns “Illuminati” gebracht.

Nun ja, Dan Brown ist nicht gerade für solide Recherche bekannt. Aber dass Spiegel-Online, Tagesschau.de und diverse überregionale Tageszeitungen diesen Mist mitmachen, ist schon peinlich. Und es ist auch nicht ganz unbedenklich. Denn spätestens seit Dan Browns Religions-Schwarte glaubt jeder einigermassen schlecht informierte Laie, das Higgs-Boson gebe der Religion wirklich eine wissenschaftliche Basis. Und das ständige Geschwafel von dem “Teilchen, das auch Gottesteilchen genannt wird” trägt wirksam zu diesem Irrtum bei.

Böse Zungen würden vielleicht sagen, dass jemand, der glaubt, das “Gottesteilchen” habe etwas mit Gott zu tun, wahrscheinlich auch glaubt, dass Götterspeise echte Götter speist. Aber dabei übersieht man leicht, dass sich die Bezeichnung “Götterspeise” immerhin an Ambrosia anlehnt, der Speise, die den Alten Griechen zufolge den Göttern ewiges Leben und ewige Jugend garantierte. Das ist immerhin ein Bezug. Zwar kein wissenschaftlicher sondern nur einer auf der Ebene von Werbetext. Aber trotzdem hat Götterspeise immer noch mehr mit Göttern zu tun als das Gottesteilchen mit Gott.

Ich frage mich, warum eine so bedeutende Entdeckung wie die des Higgs-Bosons immer irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen religiösen Bezug haben muss, damit sie auch die Tagespresse fasziniert.

Nachtrag: Lobend muss man die FAZ erwähnen, die sich – wie ich gerade auf der Suche nach passenden Links feststelle – ähnlich äußert und das Thema konsequent auf den wissenschaftlichen Gehalt beschränkt. Wenn doch nur alle Zeitungen so seriös mit wissenschaftlichen Fakten umgehen würden!

This entry was posted in Tagebuch. Bookmark the permalink.