Vorschlag: “Gottesteilchen” als Unwort des Jahres 2012

Diesen Text habe ich soeben an die Jury der Aktion “Unwort des Jahres” verschickt:

Sehr geehrter Herr Professor Wengeler,
sehr geehrte Damen und Herren der Jury der Aktion “Unwort des Jahres”,

hiermit möchte ich den Begriff “Gottesteilchen” als Kandidat für das Unwort des Jahres 2012 vorschlagen.

Begründung:

Der wissenschaftliche Nachweis des Higgs-Bosons dürfte einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte sein – wenn nicht einer der bedeutendsten unseres noch jungen Jahrhunderts. Denn damit wäre nach jahrzehntelanger Arbeit das gängige Modell der Teilchenphysik vollständig empirisch bestätigt. Wie kaum eine Entdeckung steht das Higgs-Boson damit stellvertretend für die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe systematischer wissenschaftlicher Arbeit das Universum und seine Gesetzmässigkeiten nach und nach immer besser zu verstehen.

Leider verliert die Allgemeinheit immer mehr den Blick für die Bedeutung und den Wert dieser Fähigkeit. Gründe dafür gibt es viele. Als Beispiele seien genannt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer abstrakter werden und es dem Normalbürger deshalb immer schwerer fällt, sie nachzuvollziehen, und dass irrationale Glaubenssysteme sich mit Hilfe moderner Medien immer besser als bequeme Alternative zu analytischem Denken verkaufen können.

Eine besondere Rolle in der Verbreitung von Irrationalität, latenter Wissenschaftsfeindlichkeit und der letztendlichen Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse spielt der allgemeine Sprachgebrauch. Medien gehen schludrig mit Begriffen und Zusammenhängen um. Politiker kokettieren vor laufender Kamera damit dass “Naturwissenschaften ihnen ja schon an der Schule zu schwierig waren”. Und naturgemäß folgt die breite Masse diesem Beispiel. Insbesondere wenn es um den Sprachgebrauch geht.

Der sprachliche Fehlgriff “Gottesteilchen” verdeutlicht in ganz besonderer Weise, wie mit einem schlechten Gebrauch von Sprache auch eine Bedeutungsveränderung einhergeht. Seine Verwendung in der öffentlichen Diskussion veranschaulicht, wie falsche Wortwahl zur Verbreitung von Fehlinformation führt. Und viele Reaktionen zeigen, dass dies wiederum zur Ablehnung eigentlich positiver Werte – in diesem Fall Vernunft und Erkenntnis – führen kann.

Selbstverständlich hat das Higgs-Boson genauso wenig oder genauso viel mit Gott, Religion oder Metaphysik zu tun wie jedes x-beliebige andere Elementarteilchen. Seine theoretische Ableitung und sein empirischer Nachweis machen genauso viele oder genauso wenige Aussagen über religiöse Fragestellungen wie jede x-beliebige andere Entdeckung im Bereich der Physik. Der Begriff “Gottesteilchen” entstammt lediglich der Verstümmelung eines Buchtitels. Der Autor wollte sein Buch zu diesem Thema “The Goddamned Particle” (“Das gottverdammte Teilchen”) nennen. Der Verleger machte daraus eigenmächtig “The God Particle” (“Das Gott-Teilchen”). Dies ist der gesammte Bezug des Higgs-Bosons zu Gott.

http://de.wikipedia.org/wiki/Higgs-Boson#Geschichte

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-elementare-entdeckung-teilchen-und-nicht-gottesteilchen-11810119.html

Da jedoch jeder Bezug von Naturwissenschaften zu Religion – auch ein vermeintlicher – eine verständlicherweise große Attraktivität besitzt, konnte sich dieser Begriff in der Laien-Sprache etablieren. (Fachleute benutzen ihn üblicherweise nicht.) Insbesondere die Triviallliteratur, beispielsweise Dan Browns “Illuminati” hat hierzu beigetragen. Jetzt, wo der empirische Nachweis in der allgemeinen Wahrnehmung zur Diskussion steht, spricht nahezu die gesamte deutsche Presse vom Higgs-Boson unisono als “Gottesteilchen”.

http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=gottesteilchen

http://www.tagesschau.de/suche2.html?searchText=gottesteilchen&x=0&y=0

http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/form/ZDF.de/4/10/3c7f64/Globale-Suche.html?text=gottesteilchen&Suchen=&action=search

Dies trägt dazu bei, dass sich der Begriff “Gottesteilchen” in der Alltagssprache als Synonym für das Higgs-Boson etabliert, dass viele Menschen es sogar nur unter diesem Begriff kennen. Dies führt wiederum dazu, dass viele Menschen an eine in Wirklichkeit nicht existente Verbindung zwischen Fragen der Teilchenphysik und der Religion glauben. Die Konsequenzen sind durchaus bedeutend:

  • Die Allgemeinheit entfernt sich weiter von einem Verständnis aktueller naturwissenschaftlicher Fragen. Dies ist eine direkte Bedrohung eines meiner Meinung nach sehr wichtigen gesellschaftlichen Wertes: der Allgemeinbildung.
  • Der Ablehnung naturwissenschaftlicher Forschung wird Vorschub geleistet. Viele Menschen nehmen die Tatsache, dass Teilchenphysik keine Erkenntnisse über religiöse Fragen liefern kann, als deren Versagen wahr, weil falsche Erwartungen geweckt wurden.
  • Irrationalität gewinnt an Bedeutung im alltäglichen Denken, weil der Anspruch der Naturwissenschaften, objektiv richtige Aussagen zu treffen, in der öffentlichen Diskussion hinter nebulösen, vermeintlich religiösen Metaphern verschwindet.
  • Ein falsches Verständnis wissenschaftlicher Methodik in Politik, Presse und Öffentlichkeit kann eine ernsthafte Bedrohung für die Finanzierung wichtiger Forschungsprojekte und damit generell für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt werden.
  • Die Ausbreitung von Irrationalität und Aberglaube zusammen mit verzerrter, missbräuchlicher Nutzung wissenschaftlicher Aussagen oder gar die offene Anfeindung wissenschaftlicher Erkenntnis führt zu vielfältigen gesellschaftlichen Problemen – in Extremfällen bis hin zu politischem oder religiösem Fanatismus.

Ich bin der Meinung, dass die hartnäckige Verwendung des Begriffs “Gottesteilchen” für das Higgs-Boson in besonderer Weise verdeutlicht, wie schlechter Sprachgebrauch in der breiten Öffentlichkeit falsche, ja absurde Vorstellungen von einem Sachverhalt erzeugen und zu einem deutlich verzerrten Weltbild beitragen kann. Und dieser spezielle Sachverhalt hat zudem eine außerordentliche wissenschaftliche Bedeutung.

Leichtfertiger Umgang mit Sprache führt in diesem Fall möglicherweise dazu, dass diese besondere wissenschaftliche Bedeutung durch eine vermeintliche religiöse Bedeutung verdrängt wird. Dies wäre ein großer Schaden für die Wissenschaft. Und zwar nicht nur, weil sie eines ihrer wichtigsten Beiträge zum Fortschritt der Menschheit teilweise beraubt würde. Es brächte sie auch in eine Situation, in der sie aus religiöser Sicht sich entweder anmaßte, Aussagen über Religion zu treffen, oder sich als vermeintlich unfähig erwiese, Aussagen über Religion zu treffen.

Und gleichzeitig spielt es denjenigen in die Hände, die den unsauberen sprachlichen Umgang mit Wissenschaft in der Allgemeinheit ausnutzen, um irrationale Überzeugungssysteme zu verbreiten.

Aus diesen Gründen bereitet es mir – wie vielen Menschen, die sich für objektiven und rationalen Umgang mit wissenschaftlichen Fragen einsetzen – großes Unbehagen, wenn der Begriff “Gottesteilchen” leichtfertig in der Presse oder in der Allgemeinheit verwendet wird. Ich denke, es ist gerechtfertigt, diesen Begriff als Unwort zu bezeichnen.

Und meiner Meinung nach stellt neben den gesellschaftlichen Werten wie Vernunft und Menschlichkeit, die Sie bei Ihrer Auswahl berücksichtigen, auch eine unabhängige, in der Gesellschaft verankerte Wissenschaft ein hohes Gut dar. Beispiele, wie Wissenschaft über schlechte Sprache verzerrt und letztlich missbraucht wird und dadurch zu unrecht ihren gesellschaftlichen Rückhalt verliert, gibt es viele Aber ein Beispiel, das diese missbräuchliche Verzerrung so deutlich zeigt und dabei eine so herausragende wissenschaftliche Bedeutung hat, ist einzigartig. Deshalb halte ich eine Nominierung für das Unwort des Jahres 2012 für angemessen.

Ich bedanke mich herzlich für Ihr Interesse und stehe Ihnen natürlich jederzeit gern für Fragen zu meiner Begründung zur Verfügung. Um sich ein eigenes Bild von der Meinung der wissenschaftlichen Community zu dem Begriff “Gottesteilchen” zu verschaffen, empfehle ich das Scienceblogs-Portal, z. B.:

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/liebe-medien-das-higgs-boson-ist-kein-gottesteilchen.php

Es grüßt Sie sehr herzlich

Philipp Nolden

P. S.: Ich habe mir erlaubt, diesen Text gleichzeitig auf meinem privaten Blog unter www.nessiehoaxer.de/?p=634 zu veröffentlichen. Gerne können Sie auch dort Fragen stellen oder Kommentare von anderen einsehen. (Natürlich kann ich nur für mich sprechen, nicht für die Wissenschaft. Und alles, was ich Ihnen geschrieben habe, ist lediglich meine persönliche Meinung.)

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