Fix & fertig mit dem Curry-King

Sonntag früh, 5 Uhr 13. Zeit für einen kulinarischen Tiefflug

Das Menü:

  • Meica Curry-King aus dem Kühlregal,
  • dazu Wolters Pilsener, original aus der 0,33 Liter Maurerkanne.

Die Anleitung:

  • Rückenetikett mit Piekser und Curry-Tüte entfernen.
  • Deckel mehrfach mit der Gabel einstechen, 2 Minuten in der Mikrowelle (750 Watt) erhitzen.
  • Original Curryking-Spezialcurry [sic!] aufstreuen und stilecht mit dem Holzpiekser genießen.

Sollte der Meica Curry-King eines Tages auf den US-Markt expandieren, wird er wahrscheinlich eine Klagewelle auslösen weil in der Anleitung nicht steht, daß man den Deckel abreißen muß. Das wiederum bringt mich auf die Idee, einen Video-Contest auszuloben. Schicken Sie mir Videos von Ihren Versuchen, den Meica Curry-King ohne Entfernen des Deckels zu essen. Vielleicht schreibe ich ja etwas über die pfiffigsten Ideen. Auf jeden Fall aber wäre Ihnen der Kultstatus auf Youtube gewiß.

Das Fazit:

Der Plastikschachtelkönig selbst ist bei weitem nicht so fürchterlich, wie man es beim Anblick der aromafesten Sicherheitsumhüllung aus sterilem Kunststoff in antibakterieller Rot-Gelb-Farbgebung erwarten würde. Zur eingangs erwähnten Tageszeit paßt er durchaus sinnstiftend in die Lücke zwischen verschmähter Liebe und aufkommendem Kater. Ein interessantes Detail ist, daß sich das Gericht in der ungeöffneten Originalverpackung genauso anfühlt wie die unbenutzten Kondome, die man in diesem Moment aus Mantel- und Hosentaschen hervorkramt. Verschwörungstheoretiker würden behaupten, dahinter stecke eine perfide Marketing-Strategie; diese Assoziation werde absichtlich geweckt um die Gedanken in diesem Moment in Richtung Kühlschrank zu lenken. Tatsächlich wäre dieser säuerlich-trübe Ausschnitt des Lebens auch der Ansatzpunkt auf dem ich als Marketer die Identität dieses Produktes aufbauen würde.

„Wenn das Leben Dir den Stinkefinger zeigt, ist diese Wurst Dein einzig wahrer Freund.“

Aber so clever sind Marketing-Abteilungen in der Regel nicht. Ich behaupte daher, das alles ist einfach ein hübscher Zufall. Eigentlich ist es auch – ohne jedes Wortspiel – Wurscht, denn es ging ja lediglich um die Bewertung nach kulinarischen Gesichtspunkten. Und da muß man wirklich sagen, daß es bei weitem nicht der furchteinflößende Gelatine-Matsch ist, den die hermetisch versiegelte Plastikverpackung, die mich an Endzeit-Filme der Siebziger Jahre denken läßt, erwarten ließ. Die Wurst hat eine manierliche Konsistenz und schmeckt durchaus nach Fleisch. Ihr eigentlicher Geschmack ist allerdings schwer zu beurteilen, weil der aufdringliche Süßsauer-Geschmack der Soße alles zudeckt. Ähnlich ergeht es dem Curry, von dem letztlich nur ein – allerdings sehr angenehmer – Hauch von Schärfe übrig bleibt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das eher schade ist, weil die Wurst mehr Potential hätte, oder ob das Absicht ist und nur die letztlich mindere Qualität der Zutaten kaschieren soll.

Köche sind manchmal cleverer als Marketer. Und eigentlich ist das ja auch eine ganz gute Nachricht.

Ist man bereits mit dem Odeur abgestandenen Bieres in den Klamotten und dem entsprechenden Nachgeschmack am Gaumen heimgekommen, entfaltet der Ketchup auf durchaus erquickliche Weise seine Andeutung von Tomaten-Aroma – welches ihn deutlich von manchem Supermarkt-Ketchup abhebt – und verdrängt dadurch den ekelhaften Belag im Rachen – und für einen Moment auch den schmerzlichen Belag auf der Seele.

Würde man den Curry-King einfach als Snack zwischendurch und dazu noch in der neuen, schwachsinnig großen XXL-Portion verzehren, würde man sich hinterher wahrscheinlich fühlen als hätte man ein ganzes Glas Gewürzgurken samt Deckel verschluckt. Ich habe es nicht ausprobiert; das ist selbst mir zu krank. Doch nach fortgeschrittenem Alkoholgenuß weckt der leicht übertriebene Gehalt an Zucker und Billig-Essig alsbald das Verlangen nach dem letzten Bier der Nacht.

Hier kommt die Maurerkanne ins Spiel. Mit bodenständiger Frische und ungehobelter Ehrlichkeit spült sie schließlich alle positiven und negativen Aromen und Assoziationen fort, schickt Herrn Kater und seinen Kumpel, den Liebeskummer noch einmal in die Warteschleife und leert den Geist für einen ausgedehnten Vormittag im Bett.

Kenner würden das Zusammenspiel der Aromen möglicherweise folgendermaßen umschreiben:

Der glasklare, hefige und etwas erdige Anklang, des Bieres der trotz seiner kompromißlosen Frische nicht die abrundende Andeutung von versöhnlicher Süße vermissen läßt, bildet – wie zu erwarten war – einen angenehmen Kontrast zu Süße, Säure und Fettigkeit des Essens. Dieser drückt sich nicht, wie man befürchten könnte, durch einen zu harten, unangenehmen Wiederspruch sondern durch eine positive Ergänzung auf Ebene komplementärer Aromen aus. Möglicherweise fungiert die kaum merkliche unterstützende Süße des Bieres hier als Bindeglied – kaum spürbar, so daß man ein frisches, kantiges norddeutsches Bier bekommt, aber dennoch unbewußt präsent so daß Harmonien mit süßlichen, säuerlichen und fruchtigen Speisen möglich sind. Der lange Abgang der an die regenfeuchten Hopfenfelder seiner Heimatregion denken läßt, bereitet andersherum den Weg für die dominierende Süße und Säure der Currywurst und verstärkt in der an sich billigen Soße eher die erwünschten als die unerwünschten Aromen. Dies verleiht dem Mikrowellengericht fast so etwas wie eine bodenständige Noblesse. Mit dem Bier kommt der Curry-King schon recht nah an die Simulation des Erlebnisses der ehrlichen Currywurst von der authentischen Frittenbude heran. Der größte Abstrich dabei ist, daß die originale Pappschachtel durch Plastik ersetzt wird. Für ein Fertigprodukt, das geschaffen ist, um im Kühlschrank ein Schattendasein zu führen, bis die Wirrungen des Lebens uns dorthin bringen, ausgerechnet danach zu verlangen, und dann ehrlich ohne weitere Vorbedingungen bereit zu stehen, ist das wirklich nicht schlecht.

Ich sage folgendes:

Ein solches Produkt muß garnicht an glückliche Hausschweine, sonnengereifte Tomaten und edle indische Gewürzpflanzen erinnern. Im Gegenteil, es soll an die letzte noch geöffnete Frittenbude auf den Sauftouren einer wilden Jugend erinnern, unter deren Vordach man vor dem strömenden Regen Schutz suchen und sich an der wohligen Würze irgendeiner billigen Curry-Mischung wärmen konnte. Hauptsache, es gibt dann gerade eine alte Folge Al Bundy im Fernsehen. Dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Und außer der eigenen Leber stört es niemand wenn man Paracetamol mit Bier runterspült.

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