Teil der Verschwörung

Dass Verschwörungstheoretiker Kritiker entweder für blöd oder zu einem Teil der Verschwörung erklären, ist nicht neu. Da überrascht es auch nicht, dass die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” Florian Freistetter und Sebastian Bartoschek als eine Art Lobbyisten einer ominösen Chemtrail-Connection darstellt. (Siehe hier und hier.)

Bei Florian Freistetter lautet die Argumentationskette wie folgt:

  1. Er schreibt kritisch über die Chemtrail-Verschwörungstheorie.
  2. Er hat beiläufig mit einem Institut zu tun, das zur Helmholtz-Gesellschaft gehört.
  3. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) ist ebenfalls in der Helmholtz-Gesellschaft.

Für “Sauberer Himmel” bedeutet das eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby”.

Mal ganz davon abgesehen, dass nach dieser Logik auch Heerscharen von Onkologen,und Ozeanographen eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby” hätten: Das ist ungefähr genauso lieblos konstruiert wie ein Roman von Dan Brown. Auch dort verstecken die Verschwörer die Hinweise auf die Verschwörung so geschickt, dass sie zwar über Jahrhunderte unentdeckt bleiben aber dann relativ leicht von durchschnittlich begabten Thriller-Fans gemütlich beim Schmökern im Bus aufgesammelt werden können.

Auch Konspirationisten suchen gerne Ostereier.

Aber was mich an dieser Geschichte eigentlich amüsiert: Meinen ersten waschechten HAARP-Verschwörungstheoretiker habe ich ausgerechnet beim DLR kennengelernt. Damals arbeiteten wir gemeinsam als Wissenschaftliche Mitarbeiter in einem Helmholtz-Projekt. Sogar einem richtigen Luftfahrt-Projekt.

Interessanterweise hat er die – gemäß der anderen HAARP-und-Chemtrail-Experten offensichtliche – Verbindung zu Chemtrails nie gesehen. Und Flugzeuge spielten in seinen – sonst recht blütenreichen Vorstellungen – auch keine bemerkenswerte Rolle. So richtig Spaß machen Verschwörungstheorien offenbar nur mit Dingen, die man nicht so richtig versteht, und Organisationen, zu denen man keinen Zugang hat.

Das war die Geschichte. Aber wo wir gerade dabei sind:

Niemand soll unwissend bleiben müssen. Deshalb beantworte ich natürlich auch gern die Frage, die die Chemtrail-Aktivisten von “Sauberer Himmel” anscheinend vorantreibt:

Es gibt offenbar Menschen, die sich bereits im Studium darauf spezialisieren, Skeptiker zu werden, um dann später Skepsis, die einen universitären Touch erhalten soll, zu verbreiten. Es wäre daher interessant zu erfahren, wer das Studium und die berufliche Tätigkeit dieser Berufs-Skeptiker fördert.

“Berufs-Skeptiker” gibt es nur in den Skeptiker-Verbänden. Wenn jemand bei einem Skeptiker-Verband angestellt ist, wird er von diesem auch bezahlt. Das ist wie bei jedem anderen Arbeitgeber. Und wenn sie studiert haben, dann haben sie das nicht anders finanziert als andere Studenten: durch Jobs, durch BAFöG, durch Geld von zuhause oder in Einzelfällen vielleicht auch durch Stipendien.

Allerdings sind die Möglichkeiten der Skeptiker-Verbände begrenzt. Wir sprechen von Vereinen mit in der Regel wenigen tausend Mitgliedern und recht moderaten Mitgliedsbeiträgen. Angestellte können die sich, wenn überhaupt, nur sehr wenige leisten. Und studentische Förderung geht normalerweise nicht über fachliche Unterstützung hinaus.

Bei Verschwörungstheoretikern verzerrt sich die Wahrnehmung der Realität aber gern mal ein bisschen, weil sie keine wissenschaftliche (Aus-)Bildung haben oder trotz dieser etwas eigenwillige Vorstellungen von Wissenschaft entwickeln. Daher muss man wohl folgendes ergänzen:

  1. Das System, das hinter der allgemeinen Kritik an der Chemtrails-Behauptung steht, existiert nur innerhalb der Verschwörungslegende. Wenn man viel Unfug verbreitet, wird man von vielen Leuten kritisiert. Dazu bedarf es keiner speziellen Organisation.
  2. Wissenschaftler und Skeptiker erscheinen für Außenstehende so ähnlich, weil sich die Skeptiker an die Regeln ordentlicher Wissenschaft halten, nicht weil sie die Wissenschaft unterwandern.

Skeptizismus verschafft sich keinen “universitären Touch”. Skeptizismus ist das konsequente Anwenden wissenschaftlicher Methoden und Kriterien auf eine bestimmte Kategorie von Behauptungen – die sogenannten Ungewöhnlichen Behauptungen. Und deshalb ist der Anteil von Akademikern unter den Skeptikern relativ hoch. Das sind schlicht und einfach die Leute, die mit wissenschaftlicher Methodik vertraut sind.

Wenn man also einhellige Kritik von Wissenschaftlern und Skeptikern erntet, dann deutet das nicht auf eine Verschwörung hin sondern eher darauf, dass einfach man gewaltig auf dem Holzweg ist.

Aber das nur als Gimmick.

This entry was posted in Absurdistan, Tagebuch. Bookmark the permalink.

One Response to Teil der Verschwörung

  1. Pingback: Skeptischer Meta-Blog @ gwup | die skeptiker

Comments are closed.