Minimale Realitätsverschiebung

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie ist eine Verschwörungstheorie, die besonders wenig Konkretes zu bieten hat. Eigentlich verliert sich alles in vagen Andeutungen und suggestiver Sprache. Wie stark sie auf plumper Suggestion basiert, zeigt folgendes kleines Beispiel.

Folgendes Video wurde von “Sauberer Himmel” verlinkt. Hintergrund sind die in letzter Zeit in der Chemtrail-Szene kursierenden Geschichten von rätselhaften dunklen Linien am Himmel, denen die angeblich sprühenden Flugzeuge zu folgen scheinen.

Diese Erklärung ist nicht nur überzeugend, sie ist auch tatsächlich korrekt und wahrscheinlich erschöpfend. Der einzige Kunstgriff, mit dem die Chemtrail-Aktivisten sie in ihre Verschwörungstheorie integrieren, ist die suggestive Verwendung des Begriffes “Aerosol”.

Ich weiss nicht, ob die Produzenten des Videos ihn bewusst zu diesem Zweck gewählt haben. Aber “Sauberer Himmel” greift ihn zumindest mit dem entscheidenden Hinweis auf:

Eine wesentliche Voraussetzung für dieses Schattenspiel ist, dass der Himmel intensiv mit Aerosolen angereichert ist, was gegenwärtig aufgrund des ununterbrochen anhaltenden Chemtrailing leider der Fall ist.

“Entscheidend” in dem Sinne, dass genau hier der Unfug anfängt. Alles an dieser Geschichte ist vollkommen richtig, bis auf die Behauptung, dass eine “Anreicherung mit Aerosolen” nur durch künstliches Versprühen im Sinne der Chemtrail-VT zu erklären ist.

Denn was ist ein Aerosol? Ein Aerosol ist eine Menge eines flüssigen oder festen Stoffes, der kolloidal mit einem Gas vermischt ist. “Kolloidal” bedeutet dabei, dass die Partikel der Flüssigkeit bzw. des Feststoffes gerade so groß sind, dass

  1. einerseits das Licht sich daran bricht aber
  2. andererseits ihr Gewicht so gering ist, dass es gegenüber den Kollisionen mit den Gasmolekülen, die von allen Seiten kommen und den Partikel dadurch mehr oder minder in seiner Position halten, kaum eine messbare Wirkung hat.

Ein Aerosol besteht also aus zahllosen winzigen Partikeln, die so leicht sind, dass sie in der Luft schweben, aber dennoch Licht brechen. Deshalb sind sie als Nebel sichtbar.

Beispiele für Aerosole gibt es auch abseits von (künstlicher) Chemie zahlreiche.

  • Der Rauch am Lagerfeuer ist ein Aerosol.
  • Der feuchte Dunstschleier vor Wasserfällen ist ein Aerosol.
  • Der Schlamm in schmuddelig braunem Wasser ist zwar kein Aerosol, weil er in einer Flüssigkeit und nicht in einem Gas gelöst ist. Aber auch er ist kolloidal in diesem Wasser gelöst.

Und jetzt kommts:

  • Wolken sind ein Aerosol – nämlich Wasserdampf, der gerade zu kondensieren beginnt.
  • Der Nebel, der Morgens beschaulich über Wiesen und Bächen hängt, ist ein Aerosol.

Alles natürliche Aerosole.

Und auch Kondensstreifen sind – ganz ohne gezielt versprühte Chemie – ein Aerosol. Sie bestehen nämlich aus dem Wasser, das bei der Verbrennung im Flugzeugtriebwerk freigesetzt wird.

Und ist es rätselhaft, dass sich Kondensstreifen unter bestimmten Bedingungen lange halten? Naja, Wolken halten sich mitunter sehr lange. Der Nebel kann tagelang im Tal hängen. Wasserdampf in Aerosol-Form kann unter günstigen Bedingungen sehr stabil sein. Warum sollte das nicht auch für Kondensstreifen gelten.

Und was ist jetzt mit den dunklen Streifen? Manchmal sind die Bedingungen so, dass sich Wasserdampf zwar zu Kolloiden zusammenfügt aber nicht zu Wolken auftürmt. Man nennt das Dunst. Und der Himmel war schon immer manchmal dunstig, schon lange bevor es Flugzeuge gab. Man muss nur Berichte alter Seefahrer lesen. Da kommt sowas vor.

Und ja, wenn es dunstig ist, dann ist der Himmel – technisch formuliert – mit einem Aerosol angereichert, nämlich einem Nebel aus Wasser. Aber wenn man das entsprechend suggestiv so formuliert, wird aus etwas vollkommen natürlichen plötzlich ein Indiz für eine Verschwörungstheorie.

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