Das deutsche Currywurst-Museum

Oder: Ostereier suchen mit dem Curry-King

Es ist immer gut, wenn der Sponsor klar zu erkennen ist. Zum Beispiel ist es hilfreich, daß Sat1 ausdrücklich darauf hinweist, daß Navy CIS von Elite-Partner präsentiert wird. Sonst käme ich im Leben nicht darauf, daß der dreimal geschiedene und auch sonst in seiner sozialen Kompatibilität erheblich eingeschränkte Leeroy-Jethro Gibbs als Werbefigur den Claim „Singles mit Niveau“ verkörpern soll.

Der Gedanke, daß der Meica Curry-King sein Scherflein zum unnötigsten Museum der Welt beigetragen hat, ist da schon bedeutend naheliegender. Deshalb muß Meica seine Präsenz auch nicht mit dem Holzhammer verkünden sondern kann bedeutend subtiler, sozusagen durch diskrete Stiche mit dem Pommes-Pikser, auf seine angestrebte Rolle im Leben des deutschen Currywurst-Verbrauchers hinweisen. Da ich mich bereits in einerprofunden Analyse mit einer für den Curry-King vielversprechenden potentiellen Vermarktungsstrategie auseinandergesetzt habe, lohnt wohl ein genauerer Blick auf diese originelle Form der Kundenansprache.

Doch bevor man sich die Frage stellt, wie sich die quietschbunten Plastikschachteln wohl in die Ausstellung einfügen, fragt man sich vermutlich – mir ging es zumindest so – wie die Ausstellung eigentlich überhaupt gestaltet ist. Was gibt es zu sehen? Die Antwort ist relativ einfach: Nichts. Naja, etwas differenzierter sollte man es schon formulieren: Eigentlich nichts.

Das Deutsche Currywurst-Museum bringt seiner Zielgruppe – wahrscheinlich sind das internationale Touristen, die auf der Friedrichstraße für einen Spontanbesuch eingefangen werden – die Currywurst, ihre Geschichte, ihr kulinarisches Selbstverständnis und ihre Bedeutung im Leben und für das Lebensgefühl ihrer Liebhaber nahe. Interessant ist, zu beobachten – und dafür lohnt in der Tat ein Besuch – wie ein Thema, zu dem auf einer halben A4-Seite eigentlich alles gesagt wäre und zu dem es praktisch keine präsentationsfähigen Original-Exponate gibt, auf mehreren hundert Quadratmetern Ausstellungsfläche so aufbereitet wird, daß der geneigte Besucher ziemlich genau die Stunde Infotainment bekommt, die ihm am Eingang als Besuchszeit empfohlen wird.

Zu sehen gibt es klassische Currywurst-Gerichte – also nicht so ein großbürgerlicher Schnickschnack, wie ich ihn mir immer ausdenke, sondern Klassiker wie den Taxi-Teller – in Kunstharz gegossen. Zu riechen gibt es diverse Gewürze, die aus einer anständigen Cyrrywurst-Soße nicht wegzudenken sind. Zum Ausprobieren gibt es einen elektronischen Ich-schneide-die-Currywurst-Contest und vor allem eine originalgetreu und in Originalgröße nachgebaute vollständige Currywurst-Bude – ein begehbares Exponat, in dem man die Welt einmal aus der Perspektive des Currywurst-Verkäufers sehen kann. Es fehlt dabei der Fettgeruch und die unsorgfältig ausgenüchterte Kundschaft. Aber immerhin gibt es auf Knopfdruck authentischen Currywurst-Talk vom Band. Die Originalität der Dialoge ist zwar etwas mager – „Einmal Currywurst-Pommes bitte!“ -, aber irgendwie nett ist es schon. Vielleicht müßte da nochmal ein guter Texter mit ein paar witzigen Ideen ran.

Dazu gibt es noch allerlei andere unterhaltsame Zero-Knowledge-Informationen, wie zum Beispiel die umweltfreundliche Pappschachtel in unterschiedlichen Stufen der Herstellung und der Kompostierung. (Der ketchupverschmierte Müllhaufen fehlt. Oder er ist so sauber, daß er nicht weiter auffällt. Ich weiß es nicht mehr so genau.) Aber der Frage nach dem Sponsor kommen wir erst näher, wenn wir uns dem hinteren linken Bereich der Ausstellung nähern. Dort versteckt sich der grellbunte Meica-Klotz gleichermaßen subtil wie aufdringlich dort, wo er nach der Vorstellung seines Herstellers auch hingehört: Im Kühlschrank eines jeden gutsortierten Haushaltes.

Die stilvoll in die beiden Präsentationswände eingebauten Kühlschränke repräsentieren unterschiedliche Charaktere durch ihre Eßgewohnheiten. Die meisten Touristen merken das garnicht sondern wundern sich nur über den leicht abgedunkelten Bereich, in dem es nichts weiter gibt als Kühlschränke. Nur wer sich traut und neugiereig genug ist, diese zu öffnen, dem strahlt in der grellen Innenbeleuchtung der jeweilige fiktive Besitzer entgegen. Oder besser gesagt dessen Vorräte. Es gibt die trend- und gesundheitsbewußte Architektin genauso wie die Mehr-Generationen-Familie mit unterschiedlichen Geschmäckern oder den Fast-Food-Single.

Und jetzt raten Sie mal, was alle gemeinsam haben. Genau, die Liebe zur Currywurst, verbunden mit der Wertschätzung für einen Hersteller, der sie schnell, einfach und lagerfähig bereitstellen kann – der eine eher heimlich und gelegentlich, schamhaft hinter dem Rucola-Salat versteckt, der andere einfach einen ganzen Kühlschrank voll davon. So unterschiedlich wir auch sein mögen, die Currywurst ist etwas, was uns alle vereint. Klarer kann man eine Werbebotschaft garnicht auf den Punkt bringen. Und mit weniger Worten sowieso nicht. Eine gelungene Text-Bild-Kombination – ganz ohne Text.

Es ist ein Bißchen wie zu Ostern. Oder in einem Eläkeläiset-Konzert, wo die Künstler für Ihre Fans im Saal Flachmänner versteckt haben. Allerdings mit einem Unterschied: Während die lustigen Finnen von ihren Fans sogar erwarten, daß sie den Schnaps auch trinken, ist der versteckte Curry-King sicher hinter Glas untergebracht. Das mindert das Oster-Erlebnis dann doch erheblich.

Eine zweite Sache, die das Erlebnis deutlich mindert, ist der Preis. Für elf Euro ist das eigentlich nette Programm dann doch ein Bißchen mager. Und zu sehr Marketing-Veranstaltung ist es für diesen Preis allemal. Daß die relativ aufwendige und dabei nicht sonderlich publikumsträchtige Ausstellung für einen geringeren Preis nicht zu finanzieren ist, mag sein. Aber das war noch nie ein Argument für hohe Preise. Vielmehr darf man es als zum Anlaß nehmen, das Konzept als solches zu hinterfragen. Auf die eine oder andere Art wäre die deutsche Currywurst-Kultur wahrscheinlich auch ohne Currywurst-Museum ausgekommen. Es schmerzt mich, das zu sagen, denn in der Ausstellung steckt viel Liebe, und das Personal ist sehr nett und äußerst bemüht. Aber letztlich ist es einfach zu offensichtlich der Versuch, nichts so lange aufzupumpen, bis plötzlich etwas daraus wird. Bei Licht betrachtet gibt das Thema einfach kein ganzes Museum her. Vielleicht wäre ein Currywurst-Restaurant mit Informationsgehalt die bessere Idee gewesen – Erlebnisgastronomie mit Bildungsanspruch statt Infotainment mit angeschlossener Imbißbude.

Aber die Idee, zu Ostern den Curry-King zu verstecken, kann man gut mit nach Hause nehmen. Allerdings: Käpt‘n Ron meinte etwas volkommen anderes als er sagte, „sie spielen unter der Dusche Versteck-die-Salami.“

 

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