Astrologische Hütchenspiele

Um einen ernstzunehmenden Berufsstand überflüssig zu machen, braucht es entweder gut ausgebildetes Personal aus Niedriglohnländern oder einen elementaren technischen Fortschritt. Bei Astrologen und anderen Kaffeesatzlesern reicht dagegen bereits eine gut sortierte Zoohandlung. So hatte schon Krake Paul eine Trefferquote von der die professionellen gewerblichen Zukunftsdeuter nur träumen konnten. Und wie es scheint, traut sich die “Berater”-Branche zur diesjährigen Fussball-EM plötzlich nicht mehr zu, was für Fifi, Waldi und Hasso mittlerweile zur Routine geworden ist: konkrete, überprüfbare Vorhersagen.

Eigentlich ist damit schon alles zum Thema Astrologie gesagt. Aber es ist Samstag. Und da kann man sich ruhig mal die Zeit nehmen, sich die öffentlichen Stellungnahmen etwas genauer anzusehen. Denn die rhetorischen Ausweichmanöver der Esoterikbranche sind immer wieder bemerkenswert. Und natürlich gibt die Zunft auch dieses mal wieder nicht zu, was eigentlich offensichtlich zutage liegt: ihr vollkommenes Unvermögen, irgendeine irgendwie nützliche Aussage zu treffen, das derart offensichtlich ist, dass es viel lustiger ist, absurde Kleintiere darauf zu dressieren, ihre Arbeit zu machen, als ihrem pseudokompetenten Geschwafel zuzuhören. Stattdessen bezieht jeder seine ganz individuelle Ausweichstellung. Und wie das funktioniert, ist dann doch schon wieder beiläufig interessant.

Winfried Noé – da Michael Kunkel darüber berichtet, muss ich ihn hier nicht nochmal verlinken – versucht sich in der altbekannten Strategie der medialen Vulgärprognostiker: spektakuläre Prognosen, die für den Moment große Aufmerksamkeit erzeugen aber dann, wenn sie nicht eingetreten sind bereits in Vergessenheit geraten sind, weil sie von anderen Nachrichten längst verdrängt wurden. Wie er die Dynamik der Fussball-EM ausnutzt, kann man nur als geschickt bezeichnen. Kurz vor Beginn, währen die Medienwelt bereits von der Vorfreude auf das große Ereignis geprägt ist, es aber noch an wirklich bemerkenswerten Nachrichten mangelt, mischt er sich mit nebulösem Fabulieren über eine dunkle Bedrohung, die möglicherweise (man beachte den Konjunktiv) das freudige Ereignis überschatten könnte. Und natürlich kann er voll und ganz darauf vertrauen, dass dann, wenn die spannenden Spiele laufen, niemand mehr einen Gedanken daran verschwenden wird. Und danach wird sein Geunke sowieso längst vergessen sein.

Es sei denn, es tritt tatsächlich irgendeine ernstzunehmende Tragödie ein. dann hätte er geradezu kassandrisch davor gewarnt. Gute Arbeit, Herr Noé. Ich meine jetzt nicht im Sinne einer großen Vision oder gar einer brauchbaren Prognose. Aber im Sinne eines handwerklich solide gemachten lauwarmen Samstagabend-Unterhaltungsprogrammes allemal. Wenn ich ARD-Intendant wäre, kämen Sie direkt zwischen Achim Menzel und Carolin Reiber. (Vorausgesetzt, die beiden leben noch. Ich bin in Ihrem Zweig der Unterhaltungsbranche nicht auf dem Laufenden.)

Jasmin Rachlitz wird derweil Opfer des Decline-Arguments. Mit vielen Worten sagt sie das, was man gerade noch nicht mehr durch Evidenz wiederlegen kann. Mit anderen Worten: Nichts. Auch das ist eine altbekannte rhetorische Strategie in Schwurbler-Kreisen. Aber gerade deshalb ist es verwunderlich, dass sie immer wieder als letzte Rettung genutzt wird. Denn eigentlich sollte sich auch unter den Schwurblern mittlerweile herumgesprochen haben, dass es bei dieser Methode zwangsläufig ist, dass der eigene Standpunkt kraft zunehmender Evidenz nach und nach zu dem wird, was man sagt: Nichts.

Auch die zweite Nicht-Prognose, die Kunkel aus der Astro-Woche zitiert, ist ein alter Bekannter. Nennen wir ihn das astrologische Hütchenspiel. Prinzipiell funktioniert es ähnlich wie das Geschwurbel von Rachlitz: Man versucht eine Aussage zu machen, mit der man möglichst nicht falsch liegen kann, die aber trotzdem möglichst intelligent klingt. Der methodische Unterschied ist, dass hier die Grundaussage prinzipiell falsifizierbar ist und man eher durch statistische und rhetorische Kosmetik dafür sorgt, dass man möglichst einen Treffer landet aber auch nicht blöd aussieht, wenn man danebenhaut.

Das zugehörige Backrezept würde ungefähr folgendermassen lauten:

  1. Man nehme eine prinzipiell falsifizierbare Aussage. Diese wähle man so aus, dass die Chance, dass sie zutrifft möglichst groß ist, idealerweise oberhalb von 50%. Dann hat man eine große Chance, recht zu behalten, und kann anschließend für sich in Anspruch nehmen, bei einer falsifizierbaren Aussage richtig gelegen zu haben.
  2. Man formuliere diese Aussage so, dass es klingt, als wäre es etwas ganz besonderes, wenn diese Aussage zutreffen würde – auch wenn die Wahrscheinlichkeit in Wahrheit über 50% liegt. Bloss keine Hemmungen, die Realität mit Suggestivformulierungen zurecht zu biegen.
  3. Man formuliere dies alles im Kunjunktiv oder verweise alternativ darauf, dass es nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage ist. Dann hat man selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Grundaussage nicht zutrifft, nichts prinzipiell falsches gesagt.

In der Astro-Woche klingt das Ergebnis dieser Bemühungen so:

Der Sieger des zweiten Halbfinales wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Turnier gewinnen.

Eine wahrhaft prophetische Leistung!

Dann war da noch Christiane Durer mit einer ebenfalls bekannten und beliebten Taktik: der Leeraussage. Man sagt einfach etwas, was wahnsinnig konkret klingt, aber in Wirklichkeit genau garnichts aussagt. Zumindest nichts besonderes. Altbekannt sind die Fernseh-Wahrsager, die mit viel Brimborium Rauch am Horizont aufsteigen und Mütter weinen sehen – und ein paar Monate später irgendeinen x-beliebigen Unfall oder Krieg nehmen, den sie damit vorhergesehen haben wollen. Getreu diesem Motto will Durer vorhersehen, dass es während der EM zu einem großen Streit kommt. Das ist doch mal echt konkret.

Und dann natürlich noch jede Menge Hätte-Wäre-Wenn von jedem, der sich irgendwie berufen fühlt – hauptsache nichts konkretes auf das man festgenagelt werden könnte.

Aber einer hat sich dann doch noch ein bisschen mehr Mühe mit seiner Ausrede gegeben: Markus Termin hat zwar keine mediale Bedeutung. Aber immerhin findet man ihn manchmal im Kommentarteil bei Scienceblogs-Artikeln. Und er beherzigt das Motto willst Du gelten, mach Dich selten.

Wenn wir Stundenhoroskope nehmen, brauchen wir einmal jemanden, der/die fragt: “Wird mein Favorit gewinnen?” – und natürlich müssen wir den Favoriten kennen.

Nur, wenn solche Fragen eingehen, mache ich EM-Vorhersagen für die betreffenden Spiele.

Ein Stundenhoroskop ist gewissermassen das astrologische Pendant zu einem Stundenhotel. In der Stundenastrologie geht es darum, anhand des Geburtshoroskops einer Person und des sogenannten Augenblickshoroskops eines bestimmten Zeitpunktes festzustellen, ob dieser Zeitpunkt für diese Person günstig ist, um irgendetwas bestimmtes zu tun. Ein Bundestrainer mit Horoskopfimmel hätte am Samstag zum Beispiel seine Mannschaftsaufstellung danach ausgewählt, für welchen Spieler 20:45 besonders günstig für ein internationales Fußballspiel ist.

Jeder, der die Astrologie ernst nimmt, hätte sich trefflich darüber auslassen können, welcher Spieler am Samstag mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Tor schießen wird. Alternativ hätte man auch über Mannschaftshoroskope oder ähnlich aberwitzige Konstruktionen ein Spielergebnis vorhersagen können.

Letzteres macht Termin dann auch auf einige Anfragen von Lesern hin. Warum er dazu aber erst jemanden braucht, der ihm irgendeine Favoritenmannschaft vorsagt, bleibt allerdings im Dunkeln. Ich dachte immer, beim Fussball wäre jede Mannschaft der Favorit von irgendwem. Ich schätze, die Anzahl derer, für die Deutschland der Favorit ist, ist achtstellig.

Aber egal. Immerhin hat er zumindest einigermassen einen Treffer gelandet.

Ja, Deutschland wird siegen, allerdings nicht leicht und nicht überwältigend.

Nun ja, es passt. Allerdings gab es sicherlich auch eine achtstellige Anzahl ähnlichklingender Vorhersagen. Ein Ergebnis, wie Termin es beschreibt, war schlicht und einfach zu erwarten. Und er beschreibt es so vage und diffus, dass auch bei ihm die Trefferwahrscheinlichkeit weit über 50% liegt. Und nur durch Geschwurbel darüber, welche Planetenstellungen man alles angeblich berücksichtigen müsse, um auf ein solches Ergebnis zu kommen, verleiht er diesem eine Scheingenauigkeit und gibt einem das Gefühl, er habe eine präzise Analyse angestellt und mitten ins Schwarze getroffen.

Letzten Endes spielt er also auch nur das astrologische Hütchenspiel. Nur mit etwas mehr Brimborium. Und etwas geschickter.

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Kein Material ist so dehnbar wie die Wahrheit

Keine Sorge, es geht nicht schon wieder um Jurisprudenz.

Dass der Bild wirklich garnichts zu blöd ist, um es nicht doch im Mystery-Bereich ihres Internet-Auftrittes zu bringen, dürfte bekannt sein. Und natürlich hat auch die schwebende russische Vorschülerin es dorthin geschafft. Nun wird der erfahrene Hoaxer sagen “ja ja, als wir in dem Alter waren, haben wir sowas auch gedreht, um unsere Kindergartentante zu erschrecken”. Aber dann kommt doch noch die Stelle, wo der Kommentator es schafft, selbst hartgesottenen Skeptikern den Fußschweiß ins Gesicht zu treiben.

“Wissenschaftler sprechen von Levitation. Dieses Phänomen gehört zu den rätselvollsten und umstrittensten Erscheinungen im Bereich der Parapsychologie. Dabei schwebt ein Körper völlig schwerelos.”

Erst wenn der Schmerz langsam wieder abgeklungen ist, wird einem klar, was genau an dieser Textpassage so weh tut: So absurd sie ist, sie ist nichtmal wirklich falsch. Denn in der Parapsychologie gilt die Levitation allen Ernstes immer noch als Phänomen, als rätselhaftes noch dazu. Dass die Parapsychologie als solche von praktisch niemandem mehr ernstgenommen wird, geschweigedenn als Wissenschaft angesehen, muss man ja nicht unbedingt dazu sagen. Wie ich finde, ein hübsches Beispiel dafür, wie man blühenden Blödsinn unters Volk streuen kann, ohne gegen die ja zumindest pro forma immer noch existierende journalistische Wahrheitspflicht zu verstoßen.

Und dass praktisch niemand mehr die Parapsychologie ernst nimmt, heisst auch nicht, dass es wirklich niemand tut. So kommt dann auch Walter von Lucadou zu Wort:

„Es kann sein, dass das Kind über die Fähigkeit zur Levitation, dem Schweben ohne Hilfsmittel, verfügt“

Ja, wenn man alle Naturgesetze vollkommen ausser acht lässt, kann das sein. Aber selbst Lucadou muss schließlich einräumen, dass in diesem Fall auch eine weniger spektakuläre Erklärung möglich ist:

„So etwas auf einem Video zu faken, ist überhaupt kein Problem. Mit der richtigen Software bekommt das jeder hin.“

Vielleicht hätte die Bild ihn auch fragen sollen, welche der beiden möglichen Erklärungen seiner professionellen Meinung als Physiker nach die wahrscheinlichere ist.

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Teilweise unschuldig

Vor einigen Wochen starb eine Schweizerin bei dem Versuch, sich in einer radikalen Fastenkur auf “Lichtnahrung” umzustellen. Der österreichische Regisseur Peter Artur Straubinger sah sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, sein Dokumentarfilm “Am Anfang war das Licht” habe hierzu beigetragen. In einer eilig auf der Facebook-Seite zum Film veröffentlichen Erklärung wies Straubinger jede Mitverantwortung von sich.

Am Montag wurde dort ein auf den ersten Blick entlastendes Zitat aus einer Stellungnahme des verantwortlichen Staatsanwalts Dr. Thomas Bürgi veröffentlicht:

“Eine adäquate Kausalität zwischen dem Film und dem Tod der Frau kann sicher ausgeschlossen werden.”

Nun, offensichtlich macht die Schweizer Justiz Straubinger nicht direkt für den tragischen Vorfall verantwortlich. Zunächst ist das nicht weiter überraschend. Der Vorwurf an Straubinger ist die Verbreitung eines abergläubischen und wissenschafttsfeindlichen Weltbildes. Dass es um eine Form von Aberglauben geht, die schon vor der Produktion des Films zu Gesundheitsschäden, teilweise bis zum Tod geführt hat, kommt zwar erschwerend hinzu. Eine zivil- oder strafrechtlichen Haftbarkeit war aber nicht Gegenstand der Diskussion. Dass keine unmittelbare Verursacherschaft vorliegt war auch den Kritikern klar. Straubingers Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft ist also – genau wie die gebetsmühlenartige Beschwörung seiner Fans, dass jeder selbst für seine Handlungen verantwortlich sei – ist also eine reine Strohmann-Argumentation.

Aber bestätigt Bürgi wirklich, dass es aus juristischer Sicht keinen Zusammenhang zwischen dem Film und dem Hungertod der Schweizerin gibt?

Auch dem Laien fällt auf, dass Bürgi ausdrücklich eine “adäquate Kausalität” ausschließt. Ist das Juristenschyzerdüütsch für “kein Zusammenhang”? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Und es wäre grobe Schludrigkeit, das Adjektiv “adäquat” einfach zu überlesen oder als Floskel zu verstehen.

Es lohnt sich dazu, einen genaueren Blick in den Wikipedia-Artikel zum Thema Adäquanz zu werfen. Der Begriff der Adäquanz hat sowohl im schweizerischen als auch im deutschen Zivil- und  Strafrecht eine Bedeutung bei der Beurteilung der Ursächlichkeit einer Handlung für die Folge. Der Handelnde muss nur dann juristisch für die Folge haften, wenn nicht nur eine allgemeine sondern auch eine adäquate Kausalität gegeben ist. Die Überprüfung erfolgt in zwei Schritten:

  1. Es wird festgestellt, ob die Handlung (in diesem Fall das Vorführen des Films) kausal für die Folge (in diesem Fall Hungertod aufgrund von Falschinformation) war, also zweifelsfrei als deren Ursache angesehen werden kann.
  2. Erst wenn das tatsächlich gegeben ist, wird geprüft, ob diese Folge auch vorhersehbar gewesen wäre.

Ein klassisches Beispiel ist der Herzinfarkt infolge eines Schrecks. Der Enkel, der seinen Großvater im Scherz erschreckt, kann nicht vorhersehen, dass der herzkranke Großvater deswegen einen tödlichen Herzinfarkt erleiden wird. Landläufig würde man in diesem Fall von einem tragischen Unglück sprechen. Den Enkel würde man nicht direkt für den Tod des Großvaters verantwortlich machen, schon garnicht zivil- oder strafrechtlich. Hätte der Enkel aber von der Herzkrankheit gewusst oder wissen müssen, würde man trotzdem von lebensgefährlichem Leichtsinn und grober Verantwortungslosigkeit sprechen. Das ist im Groben die wichtige Unterscheidung zwischen juristischer Haftbarkeit und moralischer Verantwortung, die sich in dem juristischen Konstrukt der “adäquaten Kausalität” versteckt.

Wie ist also Bürgis Aussage zu verstehen? Ich bin zwar kein Rechtsexperte, aber es scheint mir ziemlich eindeutig, dass Bürgi lediglich ausschließt, dass Straubinger den Todesfall direkt hätte vorhersehen müssen. (Was ihm von seinen Kritikern auch nicht vorgeworfen wird.) Dass der Begriff “adäquate Kausalität” Anwendung findet, bedeutet aber, dass grundsätzlich eine Kausalität vorliegen muss. Denn sonst würde deren Adäquanz garnicht geprüft. Der Film ist juristisch also als direkter Auslöser des Todesfalles anzusehen. Und nur weil diese Folge nicht direkt vorhersehbar war, ist Straubinger auch nicht direkt dafür verantwortlich zu machen.

Auf gut Deutsch bestätigt die zuständige Staatsanwaltschaft also, dass der Film gefährlich ist. Und da Skeptiker schon lange auf diese Gefahr aufmerksam machen, ist diese Unvorhersehbarkeit, hinter der Herr Straubinger sich da juristisch verschanzt, ein ziemlich dünner Schleier.

Nun ja, dies ist meine zugegebenermassen laienhafte Interpretation der juristischen Zusammenhänge. Straubingers Anhängerschaft sieht das natürlich etwas anders und betont wie gewohnt, dass jeder für sich selbst verantwortlich und alles andere nur eine Hexenjagd sei.

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Westlich!?

Ich bin immer wieder ein Wenig irritiert, wenn die Presse persönlichen Einsatz für kritisches Denken, methodisch korrekte Wissenschaft und rationale Entscheidungen als etwas seltsames und irgendwie schrulliges darstellt. So verblüffen mich auch die teilweise böswillig anmutenden Suggestivfragen, die in der Berichterstattung über die sechste Welt-Skeptiker-Konferenz auftauchen, ohne dass der konkrete Anlass zu der darin versteckten Kritik erkennbar wäre.

Auch Yvonne Maier vom Bayrischen Rundfunk übt sich in ihrem Bericht in kritischer Distanz. (Ab Minute 11:00.) Das ist legitim, aber einige Formulierungen ärgern mich dabei offen gesagt, insbesondere der explizite Hinweise, dass…

„… grundsätzlich die Skeptikerbewegung eine Bewegung des Westens ist.“

(Minute 11:55)

Zunächst frage ich mich, was „Bewegung des Westens“ überhaupt heissen soll. Unklarer und ungenauer kann man sich eigentlich garnicht ausdrücken. Aber das wirkliche Ärgernis ist die Herabsetzung, die solche Falschdarstellungen für Skeptiker in nichtwestlichen Ländern bedeuten. Denn es ist natürlich Unsinn, dass der wissenschaftliche Skeptizismus etwas „westliches“ ist. Indische Skeptiker ziehen buchstäblich von Dorf zu Dorf, um der armen Landbevölkerung, die keinerlei Zugang zu Bildung und verlässlichen Informationsquellen hat, die Tricks der Fakire zu erklären, damit sie wenigstens die Chance hat, sie zu durchschauen. Und das tun sie nicht, weil die westlichen Skeptikerorganisationen es von ihnen verlangen. Sie tun es, weil sie selbst es nicht ertragen, dass skrupellose Scharlatane ihren Landsleuten das Wenige, das sie haben, mit faulen Tricks aus der Tasche ziehen.

Indische Skeptiker entlarven mit viel persönlichem Aufwand falsche Asketen, die unbedarfte Leute zu lebensgefährlichen Fastenkuren verführen aber sich selbst mit angeklebten Bärten im Schnellrestaurant ihre Speckburger reinziehen. Damit liefern sie auch eine essentielle Grundlage für die Arbeit in einem Europa, in dem Menschen wie Peter Artur Straubinger mit Pseudodokumentationen über Lichtnahrung eine schockierend große Popularität erreichen.  Aber das tun sie nicht für uns, weil wir sie dazu bringen, ihre Kulturgüter im Interesse des Westens zu verraten. Sie tun es vor allem für sich selbst, weil sie als gebildete Menschen es nicht akzeptieren, dass ihre Kultur, auf die sie zu Recht stolz sind, vor allem mit esoterischem Schwachsinn wie „Prana“ in Verbindung gebracht wird. Deshalb sind sie mehr für uns als nicht mehr wegzudenkende Unterstützer. Die Inder sind für uns eine Inspiration, ein Ansporn und ein Vorbild.

Und nicht viel anders ist es mit den Afrikanern, die in Ländern arbeiten, in denen Unschuldige wegen Hexerei von Todesurteilen bedroht sind und Albinos ermordet werden weil ihnen in pulverisierter Form magische Kräfte zugeschrieben werden.

Ist es wirklich nötig, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass wissenschaftlicher Skeptizismus „eine Bewegung des Westens“ ist und diese Leute damit letztlich, wenn man es böswillig interpretiert, zu willfährigen Opfern eines kulturellen Imperialismus zu erklären? Ich denke nicht. Ich denke, dass sie es nicht nötig haben, auf unsere „westliche“ Aufforderung zu warten, wenn es darum geht, Auswüchse von Aberglauben in ihren Heimatländern unerträglich zu finden.

Natürlich ist es in den westlichen Industrieländern leichter, Organisationen zu gründen und Konferenzen abzuhalten. Natürlich sind die Schwellenländer und die Dritte Welt auf diesen Konferenzen unterrepräsentiert, weil nur die Wenigsten sich dort eine Reise nach Europa leisten können. Das heisst aber nicht, dass sie es nötig haben, sich als unsere verlängerte Werkbank zu fühlen. Denn sie leisten viel, unter Bedingungen, die man sich als Mitteleuropäer kaum vorstellen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Skeptiker mir zustimmen würden, wenn ich sagte, dass sie für uns mindestens genauso ein Vorbild sind wie wir für sie.

Aber das ist noch nichtmal das wirklich ärgerliche an solchen Aussagen. Das eigentliche Problem ist, dass sie der dümmlichen aber leider nicht totzukriegenden Ansicht, dass das ja alles nur von der Kultur abhänge, Vorschub leisten. Natürlich ist Wissenschaft und damit auch der wissenschaftliche Skeptizismus kulturunabhängig. Seine Methoden funktionieren überall gleich, und seine Regeln werden von Wissenschaftlern und Skeptikern in aller Welt gleichermassen anerkannt. Die Betonung einer vermeintlichen Westlichkeit leistet vor allem dem wissenschaftsfeindlichen Weltbild der Esoteriker Vorschub,  indem sie international anerkannte wissenschaftliche Standards zu einer Eigenheit einer „westlichen“ Kultur erklärt. Und in der alltäglichen Diskussion wird, auch unter Journalisten, gern übersehen, dass im Grunde erst damit die wirkliche kulturelle Arroganz anfängt. Denn es zeichnet nicht nur das Zerrbild von überheblichen europäischen Wissenschaftlern, die dem Rest der Welt ihr „Weltbild“ aufzwingen. Es spricht auch Wissenschaftlern und Skeptikern in nichtwestlichen Ländern die Fähigkeit, unabhängig von ihren kulturellen und religiösen Weltbildern rational und analytisch zu arbeiten, ab. Und es erklärt pauschal jeden obskuren Schnökes, der in ihren Ländern sein Unwesen treibt, zu einem Bestandteil ihrer Kultur, der ihnen heilig zu sein hat.

Wenn solche vermeintlich aufgeklärten und differenzierten Hinweise durch die Presse geistern, steckt dahinter sicher kein böser Wille. Aber es sind genau die Formulierungen, mit denen Esoteriker systematisch wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditieren, um ihre kruden Behauptungen zu verteidigen. Und das tun sie vor allem auf Kosten der Kulturen, aus denen sie sich hemmungslos bedienen, wenn sie ihre absurden Weltbilder zusammenzimmern. Deshalb ist es ärgerlich, wenn westliche Journalisten das aus Gedankenlosigkeit und falschverstandener Rücksicht auf andere Kulturen leichtfertig übernehmen.

Wissenschaft und wissenschaftlicher Skeptizismus sind nichts westliches sondern etwas, zu dem Leute aus allen Kulturkreisen gleichberechtigt beitragen.

 

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“Chemo oder Vitamine?”

Mit dieser Suggestivfrage als Titel verbreitet Verschwörungstheoretiker und Aids-Leugner Matthias Rath derzeit auf einer Vortragsreise seine Ansichten zum Thema Vitamine und Krebs – heute (am 13. März 2012) in Berlin. Seine Thesen als solche sind bereits von Berufeneren lang und breit diskutiert worden. Deshalb belasse ich es hier bei dem Verweis auf Esowatch und die GWUP.

Was mich – ich bin nur zufällig durch ein Plakat an der S-Bahn darauf gestoßen – daran interessiert, ist vor allem, wie eine solche Veranstaltung abläuft. Wer ist das Publikum? Wie zahlreich wird es erscheinen? Welchen Tonfall werden Vortrag und Diskussion haben? Wie wird mit kritischen Fragen umgegangen? Wie gläubig oder kritisch sind die Zuschauer? Und vor allem: Wie wird er versuchen eine Glaubwürdigkeit zu erzeugen? Oder hat er gar überzeugende Argumente? Das sind die Fragen, die mich heute Abend ins Stage-Theater am Potsdamer Platz treiben. Und ich werde versuchen, alles, was ich bereits über Hern Rath und seine Aktivitäten gelesen habe, auszublenden und herauszuhören, welche Details tatsächlich überzeugend sein könnten und zu überlegen was gegebenenfalls dran sein könnte.

Der Veranstaltungsort

Normalerweise finden im Berliner Stage-Theater am Potsdamer Platz erbaulichere Veranstaltungen wie Die Schöne und das Biest oder Auftritte der Blue Man Group statt. Und nicht zu vergessen natürlich Udo Lindenbergs Musical. Was ein bekanntes Musical-Theater, das als eine der Hauptspielstätten der Berlinale bekannt ist, dazu bringt, Menschen wie Matthias Rath eine Bühne zu geben, kann ich nicht nachvollziehen.

Ich vermute, dem Betreiber geht es ähnlich wie den Universitäten. Denn die befinden sich auch in dem Dilemma, dass sie einerseits ihre Räumlichkeiten vermieten müssen aber sich damit andererseits gerade für Pseudowissenschaftler und religiöse Fundamentalisten, die sich durch einen solchen Veranstaltungsort in die Nähe eines wissenschaftlichen Anspruchs rücken können, attraktiv machen.

In jedem Fall bin ich gespannt, ob Veranstaltung und Veranstaltungsort zueinander passen? Wird das Stage-Theater aus allen Nähten platzen? Wird sich ein verlorenes Häufchen im Parkett herumdrücken? Oder findet alles einfach in einem kleinen Nebenraum statt?

Meine Fragen

Natürlich ist es auch für einen kritischen Zuhörer guter Stil, dem Vortrag aufmerksam zuzuhören und Widerspruch in Form von kritischen Fragen und begründeten Einwänden zu äußern. Ob ich Gelegenheit haben werde, meine Fragen an den bzw. die Referenten in einer Anschlussdiskussion zu stellen, weiss ich nicht. Aber zum Glück folgt mir neuerdings jemand oder etwas namens Movemnt_of_Life auf Twitter. (Wirklich ohne “e” und offensichtlich Raths Organisation, denn dort wird reichlich Werbung für die Veranstaltung gemacht.) Daher habe ich die Fragen, die ich stellen würde, einfach schonmal vorab getwittert:

Da @Movemnt_of_Life mir folgt, erlaube ich mir, die Fragen, auf die ich mir heute eine Antwort erhoffe, zu twittern.

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vermutete Verschwörung in der Pharma-Industrie ausser dem Cui-Bono-Argument?

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vergrößerung der positiven Effekte von Vitaminen auf das Krebsrisiko bei Steigerung der Menge?

@Movemnt_of_Life: Alle Medikamente sind in Überdosis gefährlich? Weshalb ist das ein Argument speziell gegen Chemotherapie?

@Movemnt_of_Life: Krebszellen reagieren empfindlicher auf Chemotherapie als gesunde Zellen. Richtig oder falsch?

@Movemnt_of_Life: Falls richtig: Wie belegen Sie, dass Chemotherapie einseitig Schadet und die Neubildung von Krebs fördert?

@Movemnt_of_Life: Falls falsch: Wodurch belegen sie, dass diese allgemein anerkannte Darstellung falsch ist?

(Zwischen 18:05 und 18:10, die Rächtschraipfähla von mir im Original.)

Die Veranstaltung

Ich bin ein bisschen erstaunt (und auch ein bisschen entsetzt) über den Zuspruch. Der Kerl (bzw. seine Stiftung) hat tatsächlich das ganze Theater gemietet. Im Foyer (das nicht gerade aus allen Nähten platzt aber doch gut gefüllt ist) gibt es ein Come-Together mit Buchverkauf und Info-Ständen von einigen Schwesterorganisationen. Das Publikum ist durchschnittlich und altersmäßig relativ gleichmässig zwischen 40 und 70 verteilt. Leute unter 30 sehe ich nur sehr vereinzelt.

Die eigentliche Vortragsveranstaltung findet tatsächlich im großen Saal statt (in dem aber nur das Parkett zugänglich ist). Ich schätze knapp 1100 Sitzplätze von denen zu Beginn des eigentlichen Vortrages ein gutes Drittel bis die Hälfte besetzt ist – also ganz grob geschätzt gut 400 Zuhörer. (Nachtrag: Movemnt_of_Life twittert anschließend eine Schätzung von ungefähr 600.)

Das Podium

Auf der Bühne steht ein Rednerpult sowie ein Tisch für sechs Diskutanten. Namensschilder gibt es für

  • Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr,
  • Matthias Müller von Blumencron und
  • Georg Maccolo, beide Chefredakteure des Spiegel,
  • Dr. Ulrich Seemann,
  • Dr. Alexandra Niedzwiecki (Leiterin von Raths Forschungsintitut) sowie
  • Dr. Matthias Rath.

Ich bin wirklich gespannt, ob die geladenen Gäste, mit denen die Veranstaltung auch beworben wurde, tatsächlich kommen werden. An den Projektionswänden steht zur Begrüßung “Vitamine statt Chemo!”, offenbar die suggestivrhetorische Weiterführung des “Chemo oder Vitamine?” vom Plakat.

Die Vorträge

Angekündigt wird, dass die Veranstaltung von 19 Uhr bis 21:30 gehen wird. (Es werden noch 30 Minuten Überziehung dazu kommen.) Also lange zweieinhalb Stunden. Moderator ist Dr. Seemann.

1. Vortrag: Ein Fallbeispiel

Als erstes gibt es einen kurzen “Erfolgsbericht” von einer Dame namens Bärbel Salinger. Ich freue mich, dass die Frau offenbar eine schwere Krankheit überwunden hat. Aber die innbrünstige Begeisterung, mit der sie sich über Matthias Rath als Person äußert, erinnert an einen sektenhaften Personenkult. Ebenso ihre persönliche Willensbekundung: “Ich werde alles tun, dass meine Heimatstadt Halle(Saale) krebsfrei wird.” (Was dem von Raths Anhängern gebetsmühlenartig rezitierten Credo “XY-Stadt krebsfrei!” entspricht.)

Selbst wenn man unterstellt, dass die Fakten wahr sind und nicht verzerrt dargestellt wurden, muss man festhalten, dass ein solcher Einstieg kein Zeichen für eine seriöse Veranstaltung ist. Denn erstens würde ein gewissenhafter Arzt, der die Grundlagen seines Berufs beherrscht, nicht suggerieren, dass ein Einzelfall ein stichhaltiger Beleg für die Wirksamkeit einer Therapie ist. Und zweitens ist es weder für einen Akademiker noch für einen Behandler ein angemessenes Verhalten, einen Ausdruck sektenartiger Verehrung an den Anfang einer von oder für ihn organisierten Informationsveranstaltung zu stellen.

Dazu kommt, dass die Fakten selbst in diesem eindeutig tendenziösen Vortrag fragwürdig bleiben. Denn die behandelnde Ärztin hat nach Aussage von Frau Salinger die Erfolge auf die Cortisontherapie zurückgeführt. Frau Salingers zentrales Argument besteht darin, dass sie diese inzwischen heimlich abgesetzt hatte. Wie lange dieser Zeitpunkt vor der Diagnose lag und wie lange sie das Cortison eingenommen hatte, bleibt unklar.

2. Vortrag: Der Mechanismus der Krebsentstehung aus Raths Sicht

Anschließend erklärt Rath den Mechanismus der Krebsentstehhung. Er erklärt ihn – soweit ich verstanden habe – damit, dass Krebszellen Collagen-Ketten zerstören und damit dafür sorgen, dass sie selbst aber auch gesunde Zellen wie Blutkörperchen durch den Körper wandern können. Inwieweit seine Erklärung den tatsächlichen Mechanismus der Metastasierung korrekt wiedergibt, kann ich nicht beurteilen.

Interessant ist, dass er zu Beginn fragt, wer aus dem Publikum zum ersten Mal bei einer seiner Veranstaltungen zugegen ist. Aus Handzeichen schließt er, dass es etwa die Hälfte sein muss. Ich häte zehn Prozent geschätzt, konnte von meiner Position aus aber den abgedunkelten Saal nur bedingt überblicken.

Irritierend finde ich seine Aufforderung, nicht mitzuschreiben. “Ich bitte Sie, sich zu gedulden, bis sie das morgen nachlesen können.” Eine Aufforderung, seine Bücher zu kaufen? Angst vor kompromittierenden Vortragsnotizen? Oder einfach nur eine Gefälligkeit und der Wunsch nach aufmerksamen Zuhören, der etwas ungeschickt rüberkam? Ich zumindest zwinge mich zu aufmerksamen Zuhören, indem ich mir weiter fleissig Notizen mache.

Dann betont Rath den Stiftungscharakter seiner Organisation. Es ist ihm exorbitant wichtig, dass jeder versteht, dass seine Organisation keine Profite macht. Über Gehaltsstrukturen und Subunternehmer schweigt er sich indes gänzlich aus.

Inhaltlich bringt der Vortrag nichts, was nicht schon in dem vorab verteilten Käseblättchen gestanden hätte: Die Schocker-Pseudeo-Argumentation, dass Präparate der Chemotherapie aus Modifikationen des Senfgas-Moleküls bestehen, reichlich verziert mit Schreckensdarstellungen von Senfgas-Verletzungen und dessen Charakter als Waffe – geflissentlich die Tatsache ignorierend, dass bei praktisch jedem Medikament die Dosis über die Frage “Gift oder Heilmittel” entscheidet. Und die Behauptung, dass die Chemotherapie auch das gesunde Gewebe schädigt und damit natürlich zu Sekundärerkrankungen (bis hin zum Tod) führen kann – verschweigend, dass der Sinn der Chemotherapie ja gerade darin liegt, dass Krebszellen empfindlicher auf die Vergiftung reagieren.

Man soll niemandem böse Absicht unterstellen. (Das sagt auch Hanlons Razor.) Aber diese Argumentation ist derart naiv, dass ich mir beim besten Willen nur schwer vorstellen kann, dass ein promovierter Mediziner diesen Sachverhalt aus schlichter Unkenntnis so darstellt.

Wirklich frech ist hingegen die Darstellung des vermeintlichen Presseechos. An der Projektionswand wird eine Meldung über sensationelle Erfolge seiner alternativen Krebstherapie präsentiert – ausdrücklich gekennzeichnet als Zitat aus USA Today. Im Vortrag spricht er ausdrücklich von einer Veröffentlichung in einer der wichtigsten Zeitschriften der USA. Erst durch den Nachsatz wird klar, dass es sich garnicht um eine echte Zeitungsmeldung handelt sondern lediglich eine Pressemeldung seines Instituts, deren Veröffentlichung USA Today explizit verweigert hat.

Ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich daraus auf Raths allgemeine Methode bei der Darstellung von Sachverhalten schließe. Auch die Darstellung von Heilungsraten aus den Studien seines Instituts ist nicht besser. Offenbar gibt es dazu keine Peer-Review-Veröffentlichungen. Nach seiner Aussage sei es nur eine Frage der Zeit, bis es dazu Veröffentlichungen gebe. Wer sich mit dem Wissenschaftsbetrieb auskennt, fragt sich vermutlich, warum sie noch nicht vorliegen, wenn die Belege so überzeugend sind, wie er sie darstellt. Aber ein relativ unbedarftes Publikum dürfte beeindruckt sein.

Dann wird es ganz krude. Zunächst schildert er den Vorgang bei der Ausbreitung von Krebs durch eine Art Pacman, der sich durch das Bindegewebe frisst. Ob man das so stehen lassen kann, weiss ich nicht. In jedem Fall ist die Aussage, dass man dies durch Mikronährstoffe (also Vitamine & Co.) blockieren kann, gewagt, insbesondere wenn seine Metapher lautet, dass Pacman mit einem Keil “das Maul gestopft bekommt”. Nun gut, mir ist das zu platt. Für ein nichtakademisches Publikum mag das eine hilfreiche Metapher sein. Aber mit einer solchen einem solchen Publikum eine außergewöhnliche Behauptung zu verkaufen ist unseriös.

Ein wirklich derber Missgriff ist der Vergleich mit Skorbut. Das ist einfach nur ein billiger Suggestiv-Verweis, der seine Vitamine in die Nähe von Zellzerstörung stellen soll. (Skorbut entsteht bei langfristigem Mangel an Vitamin-C, weil ohne Ascorbinsäure als Katalysator keine stabilen Zellproteine gebildet werden können und sich der Körper dadurch nach und nach immer mehr auflöst. Krebs hingegen entsteht aus krankhaft wuchernden Zellen, die das übrige Gewebe zerstören.) Beides hat vielleicht mittelbar miteinander zu tun, weil – in diesem Punkt ist seine Darstellung vermutlich richtig – durch Skorbut vorgeschädigtes Gewebe noch empfindlicher auf die Ausbreitung von Krebs reagiert. Aber das gilt genauso bei Strahlenschäden oder jeder anderen Form von Gewebeschäden. Das ist kein spezieller Zusammenhang zwischen Krebs und Vitaminen. Und es bedeutet auch nicht, dass Vitamine das Krebsrisiko auf Null reduzieren können. Das ist eine Verzerrung der Tatsachen, die auch nicht dem nichtwissenschaftlichen Publikum geschuldet ist. Das ist schlicht und einfach Blödsinn.

(Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass seine Behauptung, dass Tiere keinen Krebs bekommen, weil sie Ascorbinsäure selbst produzieren, Unsinn ist. Falls ich da falsch liege, bin ich für sachkundige Richtigstellung dankbar. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Denn ich kenne genug Haustiere, die wegen Tumoren behandelt wurden oder daran gestorben sind.)

Als Beleg für all dieses dienen Versuche an Mäusen, deren Fähigkeit zur Synthese von Ascorbinsäure genetisch beseitigt wurde und denen Tumorzellen zum Auslösen von Krebs injiziert wurden. Dabei wird die Wachstumsrate von Tumoren verglichen, und zwar an Mäusen, die Ascorbinsäure verabreicht bekamen und an Mäusen, die keine bekamen. (Ohne anzugeben, ob in normaler Dosis oder Überdosis.) Und die simple Erkenntnis ist, dass bei Mäusen, die garkeine Ascorbinsäure haben, Tumore schneller wachsen. Das ist banal, weil die vollkommene Abwesenheit von Ascorbinsäure natürlich zur Gewebeschädigung führt. Aber Rath verkauft das dem nicht vorgebildeten Publikum als Beweis, dass Vitamine Krebs verhindern. Ich denke, das muss ich nicht weiter kommentieren.

3. Vortrag: Die Arbeit an Raths Institut

Als nächstes präsentiert Frau Dr. Niedzwiecki, die Leiterin von Raths Forschungsinstitut, die Arbeit des selbigen – auf Englisch, Rath übersetzt (manchmal recht frei aber sinngemäß korrekt).  Jetzt, wo die für die Forschung in Raths privater Stiftung Verantwortliche spricht, darf man wohl am ehesten mit belastbaren wissenschaftlichen Aussagen rechnen. Und sie nimmt den Mund ziemlich voll – mit einer reichlich suggestiven rhetorischen Frage:

“Wir können jetzt Krebs bekämpfen – was ist die Grundlage für unseren Erfolg?”

Dann benennt sie die drei ‘Säulen’ des gemeinsamen Erfolges:

  1. Keine Profitorientierung.
  2. Man habe den Schlüsselmechanismus der Metastasierung herausgegriffen. (Interessanterweise tatsächlich dieses Verb, nicht etwa “identifiziert” oder “kontrollierbar gemacht”.)
  3. Selbstlose finanzielle Unterstützung.

Offensichtlich ist dieser Abschnitt eher als Dankesrede zu verstehen und noch nicht als wissenschaftlicher Hintergrundbericht. Dann verweist sie auf angeblich über 70 Veröffentlichungen in “medizinischen Journalen”, die auf der Homepage des Instituts aufgezählt seien. (Ich habe das nicht geprüft und weiss daher nicht, um welche Journale es sich dabei handelt. Ich könnte als medizinischer Laie den Quellenwert sowieso nicht beurteilen. Aber der spätere Verlauf des Vortrages wird noch einen Eindruck vom Umgang mit Quellenverweisen seitens des Instituts geben.)

Dann kommt wieder die schon öfter gezeigte Werbung für die im Foyer feilgebotenen Bücher. Ich frage mich schon, ob selbstgeschriebene und im Selbstverlag veröffentlichte Bücher der beste Beleg sein sollen, den sie zu bieten hat. Aber dann geht sie zum Glück doch noch etwas detaillierter auf ihre Forschungsarbeit ein. Genauer gesagt heisst das, sie behauptet, man könne mit ihren Forschungsergebnissen die Schlüsselmechanismen der Krebs-Regelung (Original: “key-mechanisms of cancer-control”) beherrschen (jetzt werde ich neugierig auf die Erläuterungen und auf den Beleg) und sie präsentiert eine Auswahl aus den von ihr identifizierten über vierzig relevanten Stoffe.

Und sie präsentiert tatsächlich Versuchsergebnisse (in Form von Fotos von Tumoren aus Versuchstieren). Allerdings ist immer wieder nur vom Unterschied zwischen einer Situation ganz ohne diese Mikronährstoffe (welche zumindest in vielen Fällen auch die evidenzbasierte Medizin empfiehlt) und einer Verabreichung derselben die Rede. Es wird also bestenfalls gezeigt, dass eine Mangelernährung Krebs begünstigen kann. Weshalb eine Überdosierung diesen bremsen, blockieren, stoppen oder was auch immer können sollte, bleibt zunächst im Dunkeln.

Interessant wird es dann endlich im folgenden Abschnitt. Hier werden Aufnahmen von Krebszellen präsentiert, deren Lebensphase durch Marker farblich gekennzeichnet ist. Nach Aussage von Frau Niedzwiecki belegt dies, dass Krebszellen desto mehr absterben, je mehr Mikronährstoffe verabreicht werden. Ob das Hand und Fuß hat und in wieweit das mit einer entsprechenden Schädigung auch des gesunden Gewebes einhergehen könnte, kann ich nicht beurteilen. An dieser Stelle kann ich lediglich die Frage stellen, ob diese Ergebnisse in verlässlichen Peer-Review-Magazinen veröffentlich sind und wie diese Veröffentlichungen von Dritten bewertet wurden. Wenn diese Ergebnisse reproduzierbar und einschließlich der Schlussfolgerung korrekt dargestellt sind, wären sie vermutlich sensationell. Es sollte also Peer-Review-Veröffentlichungen und eine rege Diskussion dazu geben. (Der Vollständigkeit halber muss ich natürlich noch sagen, dass selbst dann nur belegt wäre, dass die Mikronährstoffe eine Heilwirkung hätten. Die Aussage, dass sie Krebs ganz blockieren könnten, wäre dann immer noch etwas überzogen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.)

Woher Rath jetzt plötzlich die Aussage, es handele sich “um keinen Vergiftungsvorgang sondern um eine Umprogrammierung im Zellkern” nimmt, erschließt sich mir nicht. Zudem frage ich mich, inwiefern eine “Umprogrammierung” zum Absterben keine Vergiftung sein soll. Aber wirklich bemerkenswert ist, dass der ansonsten in sich selbst ruhende Rath an dieser Stelle sichtlich nervös und in vorauseilendem Gehorsam einen bei pseudomedizinischen Behauptungen häufig gerechtfertigten Einwand vorwegnimmt: Kritiker könnten sagen, es handele sich um Einzelfälle. Dass er selbst diesen Einwand erwartet, spricht nicht gerade dafür, dass Frau Dr. Niedzwiecki eben eine methodisch korrekte Untersuchung vorgestellt hat.

Und es geht noch weiter. Als nächstes wendet er die Standard-Immunisierungsstrategie aller Pseudomediziner an: Wenn es nicht wirkt, dann war der Krebs eben schon zu weit fortgeschritten (mit der Vitamintherapie ist also nicht früh genug angefangen worden) oder der Körper ist durch die konventionelle Medikation zu stark vorgeschädigt. Das ist die typische Vorgehensweise. Erfolge werden – wie im ersten Vortrag – pauschal für die eigene Therapie in Anspruch genommen. Misserfolge werden pauschal dem angeblichen Schaden durch die konventionelle Therapie angelastet. So entsteht zwangsläufig eine zu 100% positive Pseudo-Statistik.

Endlich also ein Detail, das tatsächlich einer Überprüfung wert sein könnte. Und postwendend entlarvt Rath es selbst als Humbug.

Aus dem Publikum heraus meldet sich an dieser Stelle jemand mit der Frage, ob zu den vorher erwähnten Heilungsraten placebokontrollierte Studien gemacht worden seien, zu Wort. Rath versucht, ihn abzuwürgen – mit der Bitte, mit Fragen bis zum Ende der Veranstaltung zu warten. Der Fragende hakt nach und Rath sagt, es gäbe eine (sic!) zum Thema Leukämie. Weitere seien “in Arbeit” (sic!). Es ist schon eine deutliche Diskrepanz, dass einerseits von jahrzehntelanger Forschungsarbeit und spektakulären (sogar die Welt verändernden), nicht von der Hand zu weisenden und eindeutig bewiesenen Erkenntnissen die Rede ist aber ernstzunehmende Belege dazu bestenfalls “in Arbeit” sind. Ich frage mich, wie Herr Dr. med. Rath es verantworten kann, angesichts dieser mehr als dünnen Belege seine eigene Therapie als Allheilmittel anzupreisen und schwer kranken Menschen ernsthaft von Standard-Therapien, die nachweislich eine nennenswerte Erfolgsaussicht bieten, abzuraten. Und das gleich mit einem ideologischen Überbau, der auf Behauptungen basiert, die wiederum durch nichts weiter untermauert sind als ebendiese dürftigen Belege.

Halten wir fest: Selbst Rath nimmt – bei seiner Neigung, die Faktenlage zu Gunsten seines Standpunktes auszudehnen – nur eine einzige bereits veröffentlichte “placebokontrollierte” Studie für sich in Anspruch. Ob es sich dabei um eine korrekt randomisierte und doppelt verblindete Studie handelt, die auch tatsächlich in einem ernstzunehmenden Peer-Review-Magazin veröffentlicht wurde, wird dabei nichtmal klar. Ich mag mir garnicht vorstellen, was davon übrig bleibt, wenn man seine an anderer Stelle deutlich gewordenen Beschönigungen hiervon abzieht.

Und man muss sich klar machen, dass es bei außergewöhnlichen Behauptungen in der Medizin immer Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen gibt. Im Fall Homöopathie gibt es zum Beispiel eine Vielzahl von positiven und negativen Studien. Erst die Meta-Studien zeigen, dass die Qualität der Studien deutlich zu deren Ergebnis korreliert ist. (Je besser die Qualität der Studie desto mehr verschwindet die vermeintliche Wirkung der Homöopathie.) Daher können auch Homöopathen auf positive Studienergebnisse verweisen, obwohl die Homöopathie letztlich nicht haltbar ist.

Dass eine derart dünne Faktenlage mit allerlei Rhetorik zu einem weltbewegenden Erfolg aufgebauscht und dann noch in vorauseilendem Gehorsam immunisiert wird, darf man wohl so interpretieren, dass Rath selbst klar ist, dass seine “Beweise” bei genauerer Betrachtung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Der Fragende hakt schließlich noch einmal nach mit der Frage nach einer amtlichen Zulassung von Raths Präparaten. Das Publikum beginnt nun zu protestieren. “Geh doch nach Hause! Wir wollen das hören!” So schallt es im Chor. Ich habe den Eindruck, dass zumindest ein nennenswerter Teil des Publikums Raths Ansichten nahesteht und eher glaubensgetrieben als kritisch an seinen Vortrag heran geht.

4. Vortrag: Ein “neues Gesundheitssystem”

Im vorletzten Vortrag spricht Moderator Seemann über seine bzw. Raths Vision von einem neuen, weltweiten Gesundheitssystem. Allerdings meint er damit nicht eine Reform der Finanzierungssysteme der Gesundheitsversorgung sondern eine fundamentale Umwälzung der Kostenstrukturen durch einen weltweiten Umstieg von der konventionellen Krebsbehandlung auf Raths sogenannte Zellularmedizin.

Er präsentiert allerlei beeindruckend wirkende Zahlenspielereien, die die Kosten konventioneller Krebstherapien mit den gesamten Kosten der Gesundheitsversorgung sowie letztere mit ausgewählten Staatshaushalten und dem Eurorettungsschirm vergleichen. Sein Fazit ist, dass bei einem konsequenten Umstieg auf die Zellularmedizin eine effektive Kosteneinsparung von € 300 MRD pro Jahr möglich sei. Dies solle dann auch die Entwicklung verhindern, die seiner Meinung nach zwangsläufig aus den bestehenden Verhältnissen folgen muss: Den Ruin sämtlicher Staaten und deren letztendliches Zusammenbrechen. Seine Behauptung basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

  1. Die Zellularmedizin wirkt in vollem Umfang. Das heißt, sie bietet nicht nur eine Heilungschance sondern sie kann alle Krebserkrankungen vollständig verhindern.
  2. Sie kommt nur deswegen noch nicht flächendeckend zum Einsatz, weil sie von einem verschwörerischen Pharma-Kartell aus Profitgier unterdrückt wird.

Damit nimmt er auch die Verschwörungstheorie, die Thema des letzten Vortrages sein wird, vorweg. Bereits an dieser Stelle ist erkennbar, dass selbige allein auf dem (wertlosen) Cui-Bono-Argument basiert. (Die Pharma-Industrie verdient märchenhafte Summen an Krebs. Deshalb ist sie für ihn verantwortlich. Das ist ungefähr so als würde man sagen, Meteorologen verdienen am Wetter, also machen sie es.)

Was mir inhaltlich ins Auge sticht, ist der schludrige Umgang mit Wirtschafts-Kennzahlen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Seemann geht näher auf die Profite der Pharma-Branche ein. Das heißt, er gibt vor, genauer zu erklären und zu verdeutlichen, dass Pharma-Unternehmen verglichen mit Unternehmen aus anderen Branchen völlig überhöhte Profite machen. In Wahrheit tut er aber nichts anderes, als die Scheinobjektivität irreführend dargestellter Zahlen zu nutzen, um die latente Feindseeligkeit des Publikums gegenüber der Pharma-Industrie zu provozieren.

Ob es sich dabei um einen frommen Selbstbetrug handelt, weil Seemann die wirtschaftlichen Zusammenhänge, über die er spricht, selbst nicht versteht, oder ob er sein Publikum vorsätzlich in die Irre führt, ist natürlich nicht zu erkennen.

Seemanns Zahlenspiel funktioniert im Grunde wie jedes Stammtischargument mit missverstandenen Zahlen: Er präsentiert eine Übersicht über die durchschnittlichen Geschäftsergebnisse in unterschiedlichen Branchen. Die dargestellten Kennzahlen bezeichnet er als “Profite” und spricht über sie als seien es Gewinne. Die Werte sind aber nicht in absolutem Geldwert sondern in Prozent angegeben. Es handelt sich also eher um Renditen.

Entscheidend ist aber, dass nicht gekennzeichnet ist, ob es sich dabei um Umsatzrenditen oder irgendeine Form von Kapitalrenditen handelt. (Strenggenommen ist nichtmal klar, ob es sich in allen Fällen um dieselbe Art von Rendite handelt.)

Über die genaue Renditeart kann man nur spekulieren. Aber dass es sich um Kapitalrenditen – was noch am ehesten zu dem Gerede über “Profite” passen würde – handelt, ist eher unwahrscheinlich. Denn die Werte liegen zwischen 4,3% (Lebensmittel) und über 25% (Pharma). Auch wenn die Renditeerwartungen mit der Wirtschaftskrise nach unten gegangen sind, wäre eine Kapitalrendite (gleich, ob Stammkapital oder ROI) von unter 5% ruinös. Kein Kapitalgeber würde längerfristig in ein Unternehmen investieren, wenn die Kapitalrendite unterhalb der Gewinnerwartung auf dem Aktienmarkt liegen würde.

Die angegebene Rendite für die Lebensmittelindustrie wäre als Kapitalrendite also unglaubwürdig. Für Umsatzrenditen ist das Spektrum hingegen plausibel. Die bewegen sich je nach Branche normalerweise grob zwischen 2% und 30%. Wohlgemerkt: Bei gesunden, profitablen Unternehmen. Das hängt damit zusammen, dass die Verhältnisse zwischen Kapitaleinsatz und Umsatz je nach Branche stark schwanken. Die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel erreichen mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz vergleichsweise hohe Umsätze. Deshalb haben diese Unternehmen auch bei geringer Umsatzrendite einen ausreichenden Kapitalertrag. Pharma ist hingegen eine extrem kapitalintensive Branche, die zudem ihre Erträge (wegen der langwierigen Zulassungsverfahren) erst nach einer vergleichsweise langen Vorlaufzeit erreicht.

Dazu kommt, dass Pharma-Produkte nur wenige Jahre durch Patente geschützt werden können. Deshalb müssen Pharma-Investitionen in wenigen Jahren amortisiert sein – bevor die deutlich preisgünstigeren Generika auf den Markt kommen. Deshalb können Pharma-Unternehmen nur mit sehr hohen Umsatzrenditen existieren. Dass die Lebensmittelbranche unter 5% liegt, Pharma dagegen weit über 20% ist also eigentlich überhaupt nicht erstaunlich.

Vermutlich vergleicht Seemann Unternehmen, die vollkommen gesund und gleichermaßen profitabel sind. Sein Vergleich ist also, solange er nicht ein solches Missverhältnis bei echten und vergleichbaren Kapitalrenditen zeigt und die Zahlen auch ausreichend belegt, vollkommen wertlos.

Es müsste allerdings schon ein sehr großes Missverhältnis sein. Denn speziell in der Pharma-Branche kommt noch eine weitere Eigenheit hinzu: Nur ein Bruchteil der Medikamente, in deren Entwicklung und Erprobung investiert wird, erreicht tatsächlich die Zulassung. Deshalb ist Pharma nicht nur eins der kapitalintensivsten sondern auch eins der riskantesten Investments überhaupt. Aus diesem Grund investieren hier nur sehr finanzstarke und risikobereite Kapitalgeber. Und die haben entsprechende Renditeerwartungen.

Es wäre also nichtmal ungewöhnlich, wenn Pharma eine vergleichsweise hohe durchschnittliche Kapitalrendite hätte. Bitte nicht missverstehen, ich habe nicht vor, mich zum Anwalt der Pharma-Unternehmen zu machen. Ganz sicher gibt es dort genausoviele krumme Geschäfte wie in jeder Branche. Der Punkt ist, dass Seemanns Zahlen einfach genau garnichts aussagen. Seemann indes schließt aus diesem vermeintlich eklatanten Missverhältnis auf kriminelle Machenschaften seitens der Pharma-Branche.

Er beschließt den Vortrag damit, dass er sein bzw. Raths Engagement mit demjenigen gegen Gentechnik und Atomkraft vergleicht. Das Publikum antwortet mit einem längeren, etwas müde wirkenden Applaus. Ein vereinzeltes “Bravo” ist zu hören.

5. Vortrag: Haarsträubende Verschwörungstheorien

Und dann kommt’s ganz dicke. Rath kündigt an, die “Brücke zum politischen Verständnis” zu schlagen. Mit anderen Worten: Es folgt die ausführliche Schilderung seiner persönlichen Verschwörungstheorie über die, wie er es nennt, “Welt-Eroberungs-Pläne des Chemo-Pharma-Kartels”. (Seine Bindestrichitis, nicht meine.)

Letztlich erschöpft sich die Grundlage seines Weltbildes im Cui-Bono-Argument – die Chemieindustrie hat durch die Giftgasproduktion vom Ersten Weltkrieg profitiert, die Pharma-Industrie durch Menschenversuche in der Nazi-Zeit. Also war beides nichts anderes als die zwei ersten Versuche des “Chemo-Pharma-Kartells”, die Weltherrschaft zu erringen. Die nach Raths auch sonst reichlich wirrer Argumentation künstlich erzeugte “Krebs-Epidemie” (ja, der Mann nennt das wirklich so) ist der dritte. Und aus irgendeinem Grund ist es ganz selbstverständlich, dass dieser zwangsläufig erfolgreich sein muss, wenn wir alle nicht sofort auf Raths Zellularmedizin umsteigen.

Ich muss mich zusammenreissen, um mich angesichts dieser Verhöhnung und gewissenlosen Instrumentalisierung der Opfer nicht zu übergeben.

Als Belegt hat er freilich auch in diesem Vortrag nicht mehr zu bieten als das bereits ausführlich besprochene:

  1. Die Pharma-Industrie profitiert vom Leid anderer. (Cui-Bono, also untauglich um eine Verschwörungsbehauptung zu begründen.)
  2. Die Profite der Pharma-Industrie sind nur durch unlautere Machenschaften zu erklären. (Falsch, weil es sich lediglich aus einer Fehlinterpretation falsch verstandener Zahlen ergibt.)
  3. Dieses Leid könnte viel einfacher und kostengünstiger beseitigt werden. (Freundlich formuliert: Unbelegt. Und selbst wenn dieser Punkt richtig wäre, begründet er nicht, dass die EU das Nachfolgekonstrukt für das Nazi-Regime ist, oder den ganzen anderen haarsträubenden Unsinn.)

Die Podiumsdiskussion

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch die ist nichts weiter als eine Tüte lauwarme Luft. Erwartungsgemäß sind weder der Bundesgesundheitsminister noch die beiden Spiegel-Redakteure erscheinen. Nach Raths Lesart scheuten sie es, “Rede und Antwort zu stehen”.

Wirklich peinlich ist allerdings, dass nichtmal die Referenten den Anstand haben, sich hinter ihre Namensschildchen zu setzen und so etwas wie eine Diskussion zu führen. Letztlich führt der demonstrativ aufgebaute Tisch nichts weiter vor Auge, als dass Rath und seine Mitstreiter für ernstzunehmende Gäste zu unwichtig oder zu peinlich sind. So gesehen ist er eigentlich das Beste an der ganzen Veranstaltung.

Und selbstverständlich bekommt auch das Publikum keine Gelegenheit, Fragen zu stellen – obwohl Rath die Zwischenfragen ausdrücklich auf das Ende der Veranstaltung verwiesen hatte.

Fazit

Ich habe mich bemüht, unvoreingenommen an die Veranstaltung heranzugehen und Schlussforlgerungen nur aus dem zu ziehen, was ich tatsächlich selbst erlebt habe. Aber Rath und seine Leute machen es einem wirklich nicht leicht, etwas herauszufiltern, das eventuell einer kurzen Überlegung oder gar einer weiteren Prüfung wert wäre. Große Behauptungen und breit ausgewalzte Schock-Rhetorik, reichlich Weisse-Kittel-Anekdoten, die hochkarätige wissenschaftliche Forschung vortäuschen sollen aber bei genauerer Betrachtung zu den behaupteten Erkenntnissen in überhaupt keinem direkten Zusammenhang stehen. Das ganze auf drei Stunden ausgedehnt und mit einer Verschwörungstheorie, die den Durchschnitt sowohl an Zynismus als auch an Einfalt und Durchschaubarkeit in ihrer Begründung weit übertrifft. Und alles zusammen verdeckt, wenn man nicht genau aufpasst und ausreichend Hintergrundwissen mitbringt, die Tatsache, dass die tatsächlichen “Beweise” geradezu mikroskopisch sind und zudem noch nichtmal ansatzweise einer Überprüfung stand halten.

Kurz gesagt: In drei vollen Stunden Geschwafel nicht ein einziger Grund, selbiges länger als anderthalb Sekunden ernst zu nehmen. Und damit werden gutgläubige Menschen von einer lebensrettenden Therapie ferngehalten!

Von meinen Fragen wurde nur eine eindeutig beantwortet: Rath tut tatsächlich so als gäbe es den Wirkmechanismus der Chemotherapie nicht. Die Unwirksamekeit belegen kann er freilich nicht. Sein so ziemlich einziges Argument ist, dass viele Chemotherapie-Patienten sterben. Aber wen wundert das bei einer schweren, ohne Behandlung fast zwangsläufig tödlichen Krankheit.

Und er scheint tatsächlich zu glauben, dass die Tatsache, dass ein Stoff ein Gift ist, Beweis genug sei, dass dieser bei der Behandlung von Krankheiten keine Unterstützung leisten könne. Wie man mit einer solchen Logik zu einem medizinischen Doktortitel kommt, ist mir schleierhaft. Meine Frage nach den Belegen für seine Vitamintherapie beantwortet seine leitende Mitarbeiterin, doch Rath rudert im gleichen Atemzug zurück und immunisiert. Und er sagt dabei fast explizit, dass die gezeigten Bilder willkürlich ausgewählte Einzelfälle sind während die widersprechenden Ergebnisse unter den Teppich gekehrt werden. Das entspricht auch der Methode, sich “Beweise” zurechtzulegen, die ich den ganzen Abend lang durchgehend erlebt habe.

Die eigentliche Antwort auf meine Frage ist also anscheinend, dass er keine Belege vorbringen kann, weil er keine hat.

Kurz gesagt: Die ganze Truppe stellt reichlich aberwitzige Behauptungen auf und hat an Belegen – oder auch nur an schlüssigen Begründungen – nicht das Geringste zu bieten. Aber ihre Doktortitel tragen sie dabei wie eine Feldstandarte vor sich her. Traurig, dass sich so viele davon beeindrucken lassen. Gut, vierhundert sind bei drei Millionen Berlinern kein großer Prozentsatz. Aber bei sowas ist jeder Einzelne einer zu viel.

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Der Weltuntergang als Transmedia-Soap

Ist der Weltuntergang eine Transmedia-Soap? Gute Frage. Und wenn ja, möchte ich nicht wissen, in welcher Staffel wir uns gerade befinden.

Die Frage stelle ich mir aufgrund eines eigentlich belanglosen Zufalls: Bernd Harder hat in der vergangenen Woche die Himmelsposaunen ausgegraben. Und in der gleichen Woche habe ich mich angeregt durch eine Veranstaltung des Social Media Club Berlin, zum ersten Mal explizit mit dem Thema Transmedia-Storytelling beschäftigt. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass das Lieblingsthema der Apokalyptiker einige wesentliche Charakteristiken dieses Formats aufweist.

Was zum Teufel sind Himmelsposaunen?

Aus aller Welt berichten Menschen von einem rätselhaften Geräusch-Phänomen. Ohne ersichtlichen Grund, ohne ersichtliche Quelle scheint plötzlich der Himmel selbst zu erschallen. Ein dumpfes Dröhnen, gerade an der Hörbarkeitsschwelle erfüllt den Äther. Zahlreiche Videoquellen belegen das Auftreten des Phänomens rund um den Globus, mindestens seit 2009, plötzlich extrem gehäuft in 2011 und zu Beginn von 2012(!).

Niemand hat je eine Quelle lokalisieren können. Experten, die den Ton analysieren, stehen vor einem Rätsel. Doch schließlich fiel ein wirklich beunruhigender Fakt auf: Spielt man eine solche Aufnahme in der dreifachen Geschwindigkeit ab, gleicht sie auf schockierende Weise einem uralten jüdischen Warnsignal, einem Trompetenstoss auf einem traditionellen Hornistrument der israelischen Hirten der späten Bronze- und der Eisenzeit.

Der Zeit, in der sich die Ereignisse des Alten Testaments abspielen.

Ja ich weiss, die Offenbarung des Johannes gehört ins Neue Testament und damit in die Römische Zeit. Aber ich finde, mit dem Alten Testament klingt es irgendwie dramatischer. Und darauf kommt es bei dieser Art von Geschichten an.

Woher kommen die Himmelsposaunen?

Wie es aussieht, entstand diese Geschichte ursprünglich aus einer viralen Marketing-Kampagne für das Computerspiel Mass Effects 3. Darin geht es darum, die Erde gegen Maschinen aus dem Weltall zu verteidigen. Und um die Spannung im Spiel hochzutreiben, kündigt sich die Ankunft dieser Kriegsmaschinen durch eben dieses seltsame Dröhnen an.

Diesen an sich schon wirkungsvollen Spannungsbringer hat das Marketing zum Kernelement der Werbekampagne gemacht. Und zwar ohne zu verraten, wofür eigentlich geworben wurde. Dawoo hat in der Offensive auf den europäischen Markt in den Neunzigern ähnliches gemacht. Eine Weile gab es jede Menge Spots, in denen der Markenname mit positiver Konnotation präsentiert wurde, ohne dass man wusste, dass es um Autos geht. Dadurch hat man die breite Bevölkerung neugierig gemacht und eine Weile zum Rätseln gebracht, bevor die Auflösung verraten wurde. Das hat dazu geführt, dass der Name Daewoo sich relativ schnell in den Köpfen festgesetzt hat und die Produkte nicht wie andere Marken als namenloses asiatische Autos auf den Markt kamen.

Und für Mass Effects 3 ist ähnliches getan worden. Es wurden reichlich vermeintliche Video-Beweise für das Geräuschphänomen produziert und über Youtube und diverse Social Media Kanäle verbreitet. Das hat einige Diskussionen ausgelöst.

Nun ist es so, dass die Kreise, die für derlei Mystery-Phänomene empfänglich sind, nicht vollständig deckungsgleich sind mit den Liebhabern actiongeladener Computerspiele. Somit war klar, dass das ganze auch seine Welle in Apokalyptiker- und Konspirationisten-Kreisen schlagen musste. Ausgerechnet Gestalten der braun angehauchten Esoterik haben sich das Thema gekapert und daraus eine voll ausgearbeitete Weltuntergangs-Legende gestrickt, die sie jetzt ihrerseits über soziale Kanäle verbreiten – mit Video-Dokumentationen, die aus den gefakten Beweisen aus dem Computerspiel-Marketing zusammengeschnitten sind.

Entstehen apokalyptische Legenden über Transmedia-Storytelling?

Man darf gespannt sein, ob und wenn ja wie lange sich diese Story als Nachfolge-Legende nach dem Maya-Kalender halten wird. Aber es zeigt auch etwas über das Entstehen moderner apokalyptischer Visionen. Nämlich, dass diese aus der Eigendynamik, die in sozialen Medien gestreute Gerüchte entwickeln, hervorgehen können.

Auch die letzte poppuläre Weltuntergangs-Legende, der Mayakalender, hat eine lange transmediale und interaktive Geschichte hinter sich. Ursprünglich in den Siebzigern als pseudowissenschaftliches Buch veröffentlicht, hat sie sich über Stammtischdiskussionen, weitere Bücher, fragwürdige Zeitschriften und schließlich Internet-Foren weitergetragen. Dort wurde sie von geschickten Selbstvermarktern wie Dieter Broers aufgegriffen. Und speziell Broers hat es verstanden, sich mit einem geschickten Medien-Mix – Bücher, Vorträge, Internet-Communities – als Weltuntergangs-Guru zu etablieren und seine Geschichte über diese Kanäle in der Interaktion mit seinen Anhängern weiterzuentwickeln.

Es gibt wesentliche Unterschiede. Transmedia-Storytelling setzt normalerweise voraus, dass jeder weiss, das es um eine fiktive Geschichte geht. Trotzdem lohnt es sich, einmal zu fragen, inwieweit dieses Format auch von den Vertretern außergewöhnlicher Behauptungen genutzt wird – und wie man als Skeptiker dieses Format ebenfalls nutzen kann, um dem entgegenzuwirken.

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Bücher gegen Transmedia

Noch ein Nachtrag zum gestrigen Social Media Club:

Zwischen AMOS und einem Buchautoren war die Diskussion über Sinn und Unsinn des gedruckten Buches entbrannt. DIE Diskussion, nicht irgendeine, denn ich kenne genau die Diskussion seit mindestens 20 Jahren. In meinen Augen hat sich keiner der beiden durch seinen klaren Standpunkt geadelt, obwohl jeder auf seine Weise recht hat. Jeder hat die Vorteile und die Attraktivität des jeweiligen Mediums ganz richtig wiedergegeben. Und genauso die Nachteile des jeweils anderen.

Aber beide haben dabei übersehen, dass die beiden Medien in überhaupt keinem Konkurrenzverhältnis stehen. (AMOS hat bei seinem leidenschaftlichen Plädoyer gegen das gedruckte Buch sogar übersehen, dass er ja selbst in seinem Praxisbeispiel für ein gedrucktes Buch geworben hatte – mit dem vermeintlichen Konkurrenzmedium.) Die Wahrheit ist, dass beide Medien zwar das gleiche Grundbedürfnis – das nach Unterhaltung – befriedigen aber mit so deutlich anderen Mitteln, dass sie für ganz andere Charaktere in ganz unterschiedlichen Situationen attraktiv sind.

Interessanterweise hat auch Dungeons & Dragons weder das Buch noch das Fernsehen verdrängt. Obwohl es im Grunde die gleichen Vorzüge wie Transmedia-Storytelling hat – soziale Interaktion, Einfluss des Publikums auf die Geschichte – und in den Achtzigern eine Weile garnicht mal so viel weniger populär war. Aber das hatte nichts am Vorzug des Buches, das man einfach in der Tasche bei sich tragen und in der U-Bahn hervorholen kann, oder dem des Fernsehens, das man einfach anschalten kann, wenn man gelangweilt zuhause sitzt, geändert.

Medien verdrängen einander wenn überhaupt dann nur teilweise. Und es ist durchaus bezeichnend, dass Bücher gerade im Zeitalter von Sozialen Medien populär geworden sind wie noch nie. Und gerade der gestrige Abend hat eigentlich gezeigt, wie Bücher und Transmedia einander befruchten können. Insofern ist es eigentlich aus Sicht beider Parteien verwunderlich, dass sie es zum Anlass für eine – eigentlich längst beigelegte – Konkurrenzdiskussion nahmen.

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Transmedia Storytelling

Digitale Geschichten erzählen – darum geht es heute beim Social Media Club Berlin. Und ganz speziell für Raaaner, der heute leider nicht unter uns weilt, hier meine Vortragsnotizen.

Die Agende – einfach mal kackfrech aus Xing heraus kopiert – lautet wie folgt:

  1. Dorothea Martin
    (https://www.xing.com/profile/Dorothea_Martin2)
    wird für uns den Abend eröffnen und ein Sceensetting zu Transmedia Storytelling für uns machen. Hiernach dürfte dann jedem klar sein, weit weit das Feld dieser spannende Erzählweise digitaler Geschichte sein kann und was Transmedia Storytelling überhaupt ist.
  2. Danach wird uns Alexander Maximilian Otto Serrano, kurz AMOS
    (https://www.xing.com/profile/AlexanderMaximilian_OttoSerrano),
    einen Überblick über erfolgreiche Cases und Anwendung geben.
  3. Komplettiert wird das Programm von Michael Dreusicke
    (https://www.xing.com/profile/Michael_Dreusicke),
    der mit seiner Software PAUX eine Lösung für komplexe transmediale Erzählstrukturen geschaffen hat.

Gut, ich fange mal mit einem kleinen Kritikpunkt an: Es gibt wahrscheinlich mehr Plätze, von denen aus man die Twitterwall nicht sieht als Plätze von denen aus man sie sieht. Und selbst wenn der Blick frei ist, ist die Schrift nicht wirklich lesbar. Aber genug genörgelt; wir sind wegen der Vorträge hier.

Dorothea Martin

Dankenswerterweise beginnt sie mit einer kurzen Einführung. Der Begriff “Transmedia-Storytelling” wurde von Henry Jenkins geprägt. Er bedeutet, dass eine Geschichte über mehrere Medien hinweg erzählt wird. Jedes Medium kann dabei für sich selbst stehen. Aber gemeinsam bilden sie ein größeres Ganzes.

“Schnittstellen” heissen im Transmedia-Jargon “Entry Points”.

In Social Media können Menschen aktiv teilnehmen und die Geschichte mitgestalten. Das Publikum ist kein reiner Consumer mehr sondern trägt selbst zu der Geschichte bei. Soweit kennen wir das ja schon.

Der nächste Begriff: “Crossmedia”. Anscheinend heisst das, dass dieselbe Geschichte über unterschiedliche Medien verbreitet wird – Roman, Film etc. – ohne dass das Publikum selbst einen Einfluss hat.

Hmmm… das Beispiel habe ich nicht so richtig mitbekommen. Da war sie etwas schnell. Offensichtlich wird bei http://www.transmedia-storytelling-berlin.de/ gerade eine interaktive Geschichte in mehreren Staffeln erzählt.

Hilfreiche Fragerunde: Der Unterscheid zwischen Transmedia und Multimedia ist, dass bei Transmedia eine Geschichte erzählt wird. Der Unterschied zu Crossmedia ist anscheinend, dass bei Transmedia das Publikum an der Geschichte mitwirkt.

Und als nächster kommt…

AMOS

Okay, auch er fängt damit an, dass Werber im Social-Media-Zeitalter nicht mehr unwidersprochen alles erzählen können. Hübsch war seine Message The truth well told -> Märchenerzähler. Aber der Einstieg war trotzdem ein bisschen sehr klassisch.

Naja, und dann verliert er sich doch weiter in Headlines.

Interessant wird es bei der Botschaft “das Web bildet die Vernetzung seiner User ab. Die Botschaft muss diesem Netz folgen.”

Okay, er findet hübsche Metaphern. Über den Metzger, der dem Steppkes ein Scheibchen Wurst schenkt, über die Brüder Grimm und Wagner … bis hin zu der bereits bekannten Botschaft, dass Unternehmen in Sozialen Medien wieder lernen müssen, sozial zu sein. Insgesamt ein bisschen sehr viel von den üblichen Social-Media-Plartitüden und ein bisschen wenig handfeste Praxisbeispiele. Wenn man ehrlich ist, keins bisher.

Ah, jetzt gibt’s Beispiele!

Hmmm… “Die Partei” erzählt ihre (satirische) Geschichte per Youtube(!)-Video. Jetzt bin ich gespannt, wie die Story auf anderen Medien aussieht.

Okay, erstmal der Slogan “Reality is broken.” Dafür nicht der Transfer auf andere Medien. Es ging wohl eher darum, dass das Storytelling untrennbar mit der Realität verwoben wird. Die Story dringt in die Realität ein und die Realität in die Story. Aber wie ist es, wenn eine wahre Geschichte erzählt wird?

Zweites Beispiel: Ein online-getriggertes Live-Rolenspiel als Marketing-Idee für einen Roman. Das macht klarer, worauf er hinaus will. Mich würden jetzt die Erfolgsfaktoren eines solchen Transmedia-Event interessieren. “Die Leute wollen aus ihrem Alltag gerissen werden” leuchtet mir ein. Aber ehrlich gesagt ist es mir ein bisschen zu allgemein. Aber das Beispiel verdeutlich schon ganz gut, wie man die Botschaft bekannt machen kann, indem man die Grenzen der Medien durchbricht.

Mitmachen bei solchen Spielen kann man anscheinend bei einer gewissen Kaninchen-Community.

Und zum Schluss kommt er auf die Erkenntnis zurück, dass die erzählte Geschichte vor allem wahr sein muss – im dem Sinne, dass sie nicht mehr Spannung versprechen darf als der Roman halten kann.

Michael Dreusicke

Er macht’s spannend: “Oh, das kann man jetzt nicht sehen. Ist aber nicht so wichtig.” Und dann stellt er das technische Konzept vor, das seine Firma anbietet.

Und jetzt nochmal genauer der Unterschied zwischen Crossmedia und Transmedia. Seine Metapher: Beim Crossmedia muss man über eine Mauer – bei Transmedia ist schon alles verbunden. So richtig verstehe ich die Metapher nicht. Aber letztlich kommt er auch wieder dahin, dass “jeder in das Buch hinein schrieben kann”.

Jetzt wird’ technisch: Die Geschichte wird offenbar aus Content-Objekten mehrerer Werke zusammengesetzt. Offensichtlich sind die Content-Objekte Köder, in denen man Werbung platzieren kann. Das entscheidende an Transmedia ist, dass das, was über das Werk in Sozialen Medien gepostet wird, in das Werk zurückfließt.

Und dann geht es darum, wie die Textobjekte aneinander angeknüpft werden können. Dadurch wird der Text dreidimensional und man kann sich hineinzoomen. Okay. Und man kann unterschiedlichen Zielgruppen unterschiedliche Komponenten des gleichen Textes präsentieren.

Fazit

Unterm Strich war es eine außergewöhnlich dünne SMC-Veranstaltung. Die ersten beiden Vorträge waren etwas zu allgemein. Der letzte eher zu technisch. Und alle drei waren ein bisschen wirr. Zudem zuviele Headlines, die altbekanntes wie “das Publikum beinflußt die Story” und “man kann den Leuten nicht mehr alles erzählen” in schöne neue Worte fassten aber wenig neue Information lieferten. Die Diskussion um Sinn und Unsinn des gedruckten Buches – die kenne ich schon 20 Jahre – war eher überflüssig. Fragen die mich interessiert hätten, wie zum Beispiel, was eine erfolgreiche Transmedia-Kampagne ausmacht, blieben dagegen unbeantwortet.

Das ganze war ein Nice-to-Have. Aber nichts, was man nicht hätte versäumen dürfen.

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Ausgerechnet Bielefeld

Twitterer @westphal brachte es auf den Punkt: “Wenn Netzkultur zum Mainstream wird”. Aber trotzdem fühlte es sich irgendwie unbefriedigend an.

Ich gebe zu, dass ich gestern zum ersten Mal Wilsberg gesehen habe. Daher weiss ich nicht, ob der Gesamteindruck auf die ganze Serie zu übertragen ist und ob meine Erwartung vielleicht nur zu hoch war, um dem Witz, dem Charme oder der soliden Spannung eine faire Chance zu lassen. Ich frage mich also durchaus: War Wilsberg gut?

Und die Antwort lautet: Naja.

Zugegeben, einige Sprüche waren wirklich originell. Die Krawatten-Szene war ein echtes Highlight, nicht nur des gestrigen Abendkrimis sondern generell des öffentlich rechtlichen Fernsehens seit Wochen. Aber insgesamt war es ein bisschen hölzern. Deutsches Fernsehen halt. Allerdings deutlich über dem Durchschnitt, eindeutig.

Aber schauen wir uns die Story an: Der Verschwörungstheoretiker, der ermordet wird, weil er irgendwie recht hat – wenn auch nicht so wie er dachte. Das ist ein Klassiker. Besonders gelungen thematisiert wurde das in Fletchers Visionen. Es spricht nichts dagegen, dieses Thema neu zu verarbeiten. Man kann viel originelles neues daraus machen. Wilsberg hat das aber nicht wirklich geschafft. Aber selbst das ist legitim. Solide Fernsehunterhaltung, klassische Plots mit interessanten Figuren, reizvollen neuen Schauplätzen und technischen Spielereien neu zu inszenieren, ist vielleicht gerade das, was uns ein beständig unterhaltsames Durchschnittsfernsehen auf hohem Niveau ermöglicht. Und Wilsberg ist zumindest das in eingeschränkter Form gelungen.

Aber Bielefeld? Bei Bielefeld gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Der Zuschauer ist, wie ich, mit der Bielefeldverschwörung aufgewachsen und betrachtet sie als den Klassiker der Verschwörungs-Satire.
  2. Dem Zuschauer ist die Bielefeldverschwörung neu.

Im ersten Fall fiebert man darauf, zu erfahren, was die Drehbuchautoren mit dem an sich schon genialen Stoff geniales neues geschaffen haben. Und aus dieser Perspektive war das einzig überraschende das Ende. Plötzlich war es da. Plötzlich und unerwartet, als man eigentlich auf den Knüller gewartet hat.

Für Kenner der Bielefeldverschwörung fehlte einfach jede Form von Originalität. Eigentlich fehlte auch alles, was die Bielefeldverschwörung originell und genial macht. Es war einfach nur irgendeine beliebige Verschwörung, die als Hintergrund der Hirngespinste des Opfers herhalten musste. Es hätte genauso ein Komplott zum Überfall auf den örtlichen Lebensmittelladen sein können.

Und für den Neuen? Naja, viele Twitterer äußerten sich amüsiert über die Vorstellung, dass Bielefeld garnicht existiere. Aber dennoch fehlten eben die wirklichen rhetorischen Highlights, die der Bielefeld-Verschwörungstheorie bereits innewohnen. Und vor allem fehlte eines: Die Transferleistung zum Thema Verschwörungstheorien an sich. Der eigentliche kulturelle Wert der Bilefeldverschwörung ist, dass sie die grundsätzlichen logischen Fehler des Verschwörungsdenken auf amüsante Weise entlarvt. Denn die Bielefeldverschwörung ist vor allem ein Lehrstück, das auf publikumswirksame Weise zeigt, wie absurd Verschwörungslegenden an sich sind. Dazu ist sie da. Und wenn man sie schon aufgreift, um sie einem breiteren Publikum, das von diesen Themen bisher unberührt geblieben ist, zu präsentieren, dann sollte wenigstens das rüberkommen.

Was übrig blieb, war eine x-beliebige Verschwörungstheorie, die einen Aufhänger für die Hirngespinste einiger Phantasten lieferte, derentwegen sie sich versehentlich in ihren Untergang verrannten. Und da hat die Bielefeldverschwörung ein ganz erhebliches Problem: Sie ist unglaubwürdig. Auch das wohnt ihr inne. Auch das ist gerade das, was sie als lehrreiche Satire ausmacht. Sie führt nämlich vor, welche vermeintliche Überzeugungskraft Verschwörungs-Argumente haben können, selbst wenn die Verschwörungslegende absurd ist. Genau dadurch führt sie vor, wie absurd die Argumentationsstruktur selbst ist.

Sie als ein tatsächlich gelebtes Verschwörungsdenken zu präsentieren, führt genau das ad absurdum. Das Potential des Themas, sein wichtigster Aspekt geht dabei gänzlich verloren. Und so fragt man sich natürlich, weshalb die Wahl ausgerechnet auf die Bielefeldverschwörung fiel.

Auch aus der anderen Perspektive war die Wahl nicht besonders gut: Um eine spannende Krimihandlung aufzubauen, ist es per se nicht glaubwürdig genug, dass jemand wirklich an diesen Mumpitz glaubt.

Nun könnte man mit dem Verweis auf Poes Law einwenden, dass es auch Schwerkraftleugner und Lichtesser gibt. Das stimmt. Aber dann hätte man eine ganz andere Story. Dann möge man bitte auch diese Form von Wahnsinn und vor allem auch Poes Law selbst sorgfältig thematisieren. Daraus einfach unkommentiert einen Hintergrund zu machen, der versehentlich wahr ist, nur aus ganz anderen Gründen, ist einfach zu platt – deshalb, weil das Thema mehr Tiefgang hat als die Autoren überhaupt erkannt haben, und auch deshalb, weil es mit diesem reduzierten Tiefgang einfach unglaubwürdig wirkte. Also eins haben die Macher von Wilsberg geschafft: Sie haben sowohl der Vorlage als auch dem Produkt wirkungsvoll die Luft aus den Reifen gelassen.

Und sie haben noch etwas geschafft: Sie haben mich dazu gebracht, Wilsberg zu gucken. Das könnte eine Marketing-Leistung sein. Nur dazu müsste das Produkt dann auch überzeugend sein. Denn entgegen aller Klischees ist Marketing nicht in der Lage, dem Yeti eine Tiefkühltruhe anzudrehen. Marketing kann lediglich die Neugier des Publikums auf ein an sich schon gutes und nützliches Produkt lenken. Durchsetzen tut sich das Produkt wegen seiner echten Qualitäten, nicht wegen des Marketings. Und speziell für Menschen, die sich für Verschwörungstheorien interessieren, war diese Adaption der Bielefeld-Thematik einfach zu banal.

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Okay, so einen hübschen Default-Artikel muss ich einfach stehen lassen.

Ich werde einige Zeit brauchen, um etwas WordPress-Routine zu entwickeln. Dass hier noch Farbeimer und Tapetenrollen rumfliegen, ist also nicht zu vermeiden. Ich hoffe, es macht trotzdem Spaß!

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