Das deutsche Currywurst-Museum

Oder: Ostereier suchen mit dem Curry-King

Es ist immer gut, wenn der Sponsor klar zu erkennen ist. Zum Beispiel ist es hilfreich, daß Sat1 ausdrücklich darauf hinweist, daß Navy CIS von Elite-Partner präsentiert wird. Sonst käme ich im Leben nicht darauf, daß der dreimal geschiedene und auch sonst in seiner sozialen Kompatibilität erheblich eingeschränkte Leeroy-Jethro Gibbs als Werbefigur den Claim „Singles mit Niveau“ verkörpern soll.

Der Gedanke, daß der Meica Curry-King sein Scherflein zum unnötigsten Museum der Welt beigetragen hat, ist da schon bedeutend naheliegender. Deshalb muß Meica seine Präsenz auch nicht mit dem Holzhammer verkünden sondern kann bedeutend subtiler, sozusagen durch diskrete Stiche mit dem Pommes-Pikser, auf seine angestrebte Rolle im Leben des deutschen Currywurst-Verbrauchers hinweisen. Da ich mich bereits in einerprofunden Analyse mit einer für den Curry-King vielversprechenden potentiellen Vermarktungsstrategie auseinandergesetzt habe, lohnt wohl ein genauerer Blick auf diese originelle Form der Kundenansprache.

Doch bevor man sich die Frage stellt, wie sich die quietschbunten Plastikschachteln wohl in die Ausstellung einfügen, fragt man sich vermutlich – mir ging es zumindest so – wie die Ausstellung eigentlich überhaupt gestaltet ist. Was gibt es zu sehen? Die Antwort ist relativ einfach: Nichts. Naja, etwas differenzierter sollte man es schon formulieren: Eigentlich nichts.

Das Deutsche Currywurst-Museum bringt seiner Zielgruppe – wahrscheinlich sind das internationale Touristen, die auf der Friedrichstraße für einen Spontanbesuch eingefangen werden – die Currywurst, ihre Geschichte, ihr kulinarisches Selbstverständnis und ihre Bedeutung im Leben und für das Lebensgefühl ihrer Liebhaber nahe. Interessant ist, zu beobachten – und dafür lohnt in der Tat ein Besuch – wie ein Thema, zu dem auf einer halben A4-Seite eigentlich alles gesagt wäre und zu dem es praktisch keine präsentationsfähigen Original-Exponate gibt, auf mehreren hundert Quadratmetern Ausstellungsfläche so aufbereitet wird, daß der geneigte Besucher ziemlich genau die Stunde Infotainment bekommt, die ihm am Eingang als Besuchszeit empfohlen wird.

Zu sehen gibt es klassische Currywurst-Gerichte – also nicht so ein großbürgerlicher Schnickschnack, wie ich ihn mir immer ausdenke, sondern Klassiker wie den Taxi-Teller – in Kunstharz gegossen. Zu riechen gibt es diverse Gewürze, die aus einer anständigen Cyrrywurst-Soße nicht wegzudenken sind. Zum Ausprobieren gibt es einen elektronischen Ich-schneide-die-Currywurst-Contest und vor allem eine originalgetreu und in Originalgröße nachgebaute vollständige Currywurst-Bude – ein begehbares Exponat, in dem man die Welt einmal aus der Perspektive des Currywurst-Verkäufers sehen kann. Es fehlt dabei der Fettgeruch und die unsorgfältig ausgenüchterte Kundschaft. Aber immerhin gibt es auf Knopfdruck authentischen Currywurst-Talk vom Band. Die Originalität der Dialoge ist zwar etwas mager – „Einmal Currywurst-Pommes bitte!“ -, aber irgendwie nett ist es schon. Vielleicht müßte da nochmal ein guter Texter mit ein paar witzigen Ideen ran.

Dazu gibt es noch allerlei andere unterhaltsame Zero-Knowledge-Informationen, wie zum Beispiel die umweltfreundliche Pappschachtel in unterschiedlichen Stufen der Herstellung und der Kompostierung. (Der ketchupverschmierte Müllhaufen fehlt. Oder er ist so sauber, daß er nicht weiter auffällt. Ich weiß es nicht mehr so genau.) Aber der Frage nach dem Sponsor kommen wir erst näher, wenn wir uns dem hinteren linken Bereich der Ausstellung nähern. Dort versteckt sich der grellbunte Meica-Klotz gleichermaßen subtil wie aufdringlich dort, wo er nach der Vorstellung seines Herstellers auch hingehört: Im Kühlschrank eines jeden gutsortierten Haushaltes.

Die stilvoll in die beiden Präsentationswände eingebauten Kühlschränke repräsentieren unterschiedliche Charaktere durch ihre Eßgewohnheiten. Die meisten Touristen merken das garnicht sondern wundern sich nur über den leicht abgedunkelten Bereich, in dem es nichts weiter gibt als Kühlschränke. Nur wer sich traut und neugiereig genug ist, diese zu öffnen, dem strahlt in der grellen Innenbeleuchtung der jeweilige fiktive Besitzer entgegen. Oder besser gesagt dessen Vorräte. Es gibt die trend- und gesundheitsbewußte Architektin genauso wie die Mehr-Generationen-Familie mit unterschiedlichen Geschmäckern oder den Fast-Food-Single.

Und jetzt raten Sie mal, was alle gemeinsam haben. Genau, die Liebe zur Currywurst, verbunden mit der Wertschätzung für einen Hersteller, der sie schnell, einfach und lagerfähig bereitstellen kann – der eine eher heimlich und gelegentlich, schamhaft hinter dem Rucola-Salat versteckt, der andere einfach einen ganzen Kühlschrank voll davon. So unterschiedlich wir auch sein mögen, die Currywurst ist etwas, was uns alle vereint. Klarer kann man eine Werbebotschaft garnicht auf den Punkt bringen. Und mit weniger Worten sowieso nicht. Eine gelungene Text-Bild-Kombination – ganz ohne Text.

Es ist ein Bißchen wie zu Ostern. Oder in einem Eläkeläiset-Konzert, wo die Künstler für Ihre Fans im Saal Flachmänner versteckt haben. Allerdings mit einem Unterschied: Während die lustigen Finnen von ihren Fans sogar erwarten, daß sie den Schnaps auch trinken, ist der versteckte Curry-King sicher hinter Glas untergebracht. Das mindert das Oster-Erlebnis dann doch erheblich.

Eine zweite Sache, die das Erlebnis deutlich mindert, ist der Preis. Für elf Euro ist das eigentlich nette Programm dann doch ein Bißchen mager. Und zu sehr Marketing-Veranstaltung ist es für diesen Preis allemal. Daß die relativ aufwendige und dabei nicht sonderlich publikumsträchtige Ausstellung für einen geringeren Preis nicht zu finanzieren ist, mag sein. Aber das war noch nie ein Argument für hohe Preise. Vielmehr darf man es als zum Anlaß nehmen, das Konzept als solches zu hinterfragen. Auf die eine oder andere Art wäre die deutsche Currywurst-Kultur wahrscheinlich auch ohne Currywurst-Museum ausgekommen. Es schmerzt mich, das zu sagen, denn in der Ausstellung steckt viel Liebe, und das Personal ist sehr nett und äußerst bemüht. Aber letztlich ist es einfach zu offensichtlich der Versuch, nichts so lange aufzupumpen, bis plötzlich etwas daraus wird. Bei Licht betrachtet gibt das Thema einfach kein ganzes Museum her. Vielleicht wäre ein Currywurst-Restaurant mit Informationsgehalt die bessere Idee gewesen – Erlebnisgastronomie mit Bildungsanspruch statt Infotainment mit angeschlossener Imbißbude.

Aber die Idee, zu Ostern den Curry-King zu verstecken, kann man gut mit nach Hause nehmen. Allerdings: Käpt‘n Ron meinte etwas volkommen anderes als er sagte, „sie spielen unter der Dusche Versteck-die-Salami.“

 

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Fix & fertig mit dem Curry-King

Sonntag früh, 5 Uhr 13. Zeit für einen kulinarischen Tiefflug

Das Menü:

  • Meica Curry-King aus dem Kühlregal,
  • dazu Wolters Pilsener, original aus der 0,33 Liter Maurerkanne.

Die Anleitung:

  • Rückenetikett mit Piekser und Curry-Tüte entfernen.
  • Deckel mehrfach mit der Gabel einstechen, 2 Minuten in der Mikrowelle (750 Watt) erhitzen.
  • Original Curryking-Spezialcurry [sic!] aufstreuen und stilecht mit dem Holzpiekser genießen.

Sollte der Meica Curry-King eines Tages auf den US-Markt expandieren, wird er wahrscheinlich eine Klagewelle auslösen weil in der Anleitung nicht steht, daß man den Deckel abreißen muß. Das wiederum bringt mich auf die Idee, einen Video-Contest auszuloben. Schicken Sie mir Videos von Ihren Versuchen, den Meica Curry-King ohne Entfernen des Deckels zu essen. Vielleicht schreibe ich ja etwas über die pfiffigsten Ideen. Auf jeden Fall aber wäre Ihnen der Kultstatus auf Youtube gewiß.

Das Fazit:

Der Plastikschachtelkönig selbst ist bei weitem nicht so fürchterlich, wie man es beim Anblick der aromafesten Sicherheitsumhüllung aus sterilem Kunststoff in antibakterieller Rot-Gelb-Farbgebung erwarten würde. Zur eingangs erwähnten Tageszeit paßt er durchaus sinnstiftend in die Lücke zwischen verschmähter Liebe und aufkommendem Kater. Ein interessantes Detail ist, daß sich das Gericht in der ungeöffneten Originalverpackung genauso anfühlt wie die unbenutzten Kondome, die man in diesem Moment aus Mantel- und Hosentaschen hervorkramt. Verschwörungstheoretiker würden behaupten, dahinter stecke eine perfide Marketing-Strategie; diese Assoziation werde absichtlich geweckt um die Gedanken in diesem Moment in Richtung Kühlschrank zu lenken. Tatsächlich wäre dieser säuerlich-trübe Ausschnitt des Lebens auch der Ansatzpunkt auf dem ich als Marketer die Identität dieses Produktes aufbauen würde.

„Wenn das Leben Dir den Stinkefinger zeigt, ist diese Wurst Dein einzig wahrer Freund.“

Aber so clever sind Marketing-Abteilungen in der Regel nicht. Ich behaupte daher, das alles ist einfach ein hübscher Zufall. Eigentlich ist es auch – ohne jedes Wortspiel – Wurscht, denn es ging ja lediglich um die Bewertung nach kulinarischen Gesichtspunkten. Und da muß man wirklich sagen, daß es bei weitem nicht der furchteinflößende Gelatine-Matsch ist, den die hermetisch versiegelte Plastikverpackung, die mich an Endzeit-Filme der Siebziger Jahre denken läßt, erwarten ließ. Die Wurst hat eine manierliche Konsistenz und schmeckt durchaus nach Fleisch. Ihr eigentlicher Geschmack ist allerdings schwer zu beurteilen, weil der aufdringliche Süßsauer-Geschmack der Soße alles zudeckt. Ähnlich ergeht es dem Curry, von dem letztlich nur ein – allerdings sehr angenehmer – Hauch von Schärfe übrig bleibt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das eher schade ist, weil die Wurst mehr Potential hätte, oder ob das Absicht ist und nur die letztlich mindere Qualität der Zutaten kaschieren soll.

Köche sind manchmal cleverer als Marketer. Und eigentlich ist das ja auch eine ganz gute Nachricht.

Ist man bereits mit dem Odeur abgestandenen Bieres in den Klamotten und dem entsprechenden Nachgeschmack am Gaumen heimgekommen, entfaltet der Ketchup auf durchaus erquickliche Weise seine Andeutung von Tomaten-Aroma – welches ihn deutlich von manchem Supermarkt-Ketchup abhebt – und verdrängt dadurch den ekelhaften Belag im Rachen – und für einen Moment auch den schmerzlichen Belag auf der Seele.

Würde man den Curry-King einfach als Snack zwischendurch und dazu noch in der neuen, schwachsinnig großen XXL-Portion verzehren, würde man sich hinterher wahrscheinlich fühlen als hätte man ein ganzes Glas Gewürzgurken samt Deckel verschluckt. Ich habe es nicht ausprobiert; das ist selbst mir zu krank. Doch nach fortgeschrittenem Alkoholgenuß weckt der leicht übertriebene Gehalt an Zucker und Billig-Essig alsbald das Verlangen nach dem letzten Bier der Nacht.

Hier kommt die Maurerkanne ins Spiel. Mit bodenständiger Frische und ungehobelter Ehrlichkeit spült sie schließlich alle positiven und negativen Aromen und Assoziationen fort, schickt Herrn Kater und seinen Kumpel, den Liebeskummer noch einmal in die Warteschleife und leert den Geist für einen ausgedehnten Vormittag im Bett.

Kenner würden das Zusammenspiel der Aromen möglicherweise folgendermaßen umschreiben:

Der glasklare, hefige und etwas erdige Anklang, des Bieres der trotz seiner kompromißlosen Frische nicht die abrundende Andeutung von versöhnlicher Süße vermissen läßt, bildet – wie zu erwarten war – einen angenehmen Kontrast zu Süße, Säure und Fettigkeit des Essens. Dieser drückt sich nicht, wie man befürchten könnte, durch einen zu harten, unangenehmen Wiederspruch sondern durch eine positive Ergänzung auf Ebene komplementärer Aromen aus. Möglicherweise fungiert die kaum merkliche unterstützende Süße des Bieres hier als Bindeglied – kaum spürbar, so daß man ein frisches, kantiges norddeutsches Bier bekommt, aber dennoch unbewußt präsent so daß Harmonien mit süßlichen, säuerlichen und fruchtigen Speisen möglich sind. Der lange Abgang der an die regenfeuchten Hopfenfelder seiner Heimatregion denken läßt, bereitet andersherum den Weg für die dominierende Süße und Säure der Currywurst und verstärkt in der an sich billigen Soße eher die erwünschten als die unerwünschten Aromen. Dies verleiht dem Mikrowellengericht fast so etwas wie eine bodenständige Noblesse. Mit dem Bier kommt der Curry-King schon recht nah an die Simulation des Erlebnisses der ehrlichen Currywurst von der authentischen Frittenbude heran. Der größte Abstrich dabei ist, daß die originale Pappschachtel durch Plastik ersetzt wird. Für ein Fertigprodukt, das geschaffen ist, um im Kühlschrank ein Schattendasein zu führen, bis die Wirrungen des Lebens uns dorthin bringen, ausgerechnet danach zu verlangen, und dann ehrlich ohne weitere Vorbedingungen bereit zu stehen, ist das wirklich nicht schlecht.

Ich sage folgendes:

Ein solches Produkt muß garnicht an glückliche Hausschweine, sonnengereifte Tomaten und edle indische Gewürzpflanzen erinnern. Im Gegenteil, es soll an die letzte noch geöffnete Frittenbude auf den Sauftouren einer wilden Jugend erinnern, unter deren Vordach man vor dem strömenden Regen Schutz suchen und sich an der wohligen Würze irgendeiner billigen Curry-Mischung wärmen konnte. Hauptsache, es gibt dann gerade eine alte Folge Al Bundy im Fernsehen. Dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Und außer der eigenen Leber stört es niemand wenn man Paracetamol mit Bier runterspült.

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Die Wurst zum Film

Die deutsche Schauspielzunft hat mal wieder das getan, was sie am besten kann: Besenstiele verschlucken. „Wir haben einen spätpubertären Eltern-Kind-Konflikt, und in unserem supergefährlichen Biowaffen-Labor sind alle Sicherheitssysteme ausgefallen. Sollen wir jetzt eine Problemkerze anzünden oder zwei?“

Die Verfilmung von Ken Follets „Eisfieber“ bot alles, was wir uns von unseren Fernsehgebühren anscheinend wünschen: Belanglose Familienproblemchen uneloquenter Großbürger in einfältig zähe Dialoge gegossen und vorgetragen von Schauspieler-Trampeln, die wirkten wie Erstklässler beim Krippenspiel. Diesmal mit Killervirus.

Dieses Machwerk war so hoffnungslos deutsch, dazu mußte man einfach Sauerkraut essen.

Das gute an Würstchen mit Sauerkraut ist, daß diese Kombination kulinarisch kaum zu übertreffen und dabei gleichzeitig so hausbacken ist, daß man sie ohne weiteres zu einem ZDF-Zweiteiler reichen kann. In gewissem Sinne erreicht man damit eine Harmonie der Gegensätze – schlechter Film, gutes Essen -, die dabei aber streng der Logik des Terroir – deutscher Film, deutsches Essen – folgt und somit selbst den größten Mist aus den Pressen deutscher Zelluloid-Entsorger irgendwie adelt.

Aber wir wollten eigentlich Currywurst speisen. Und so schuf die fiktive Gentechnik eine lukullische Chimäre:

  • Fleischwurst mit Curry-Kraut.
  • Dazu Wolters „Schwarzer Herzog“.

Man nehme eine Curry-Fleischwurst gehobener Qualität. (Irgendwas muß ja was taugen.) Diese brate man in reichlich Olivenöl knusprig und stelle sie anschließend im Backofen warm. Dann gebe man eine kleine, gewürfelte Zwiebel in das heiße Bratenfett und lasse sie glasig anschwitzen. Anschließend gebe man das Sauerkraut hinzu. Sobald dieses heiß ist, gebe man reichlich milden Curry und zwei bis drei in streifen geschnittene getrocknete und in Öl eingelegte Tomaten hinzu. Dies alles rühre man sorgfältig unter. Das Ganze richte man auf der Wurst an.

Curry sollte man wirklich reichlich am Start haben. Sauerkraut hat ein ungeheuer dominantes Aroma, und man muß wirklich viel Gewürz hinzugeben, damit man überhaupt etwas davon schmeckt. Dann allerdings erreicht man eine erstaunlich gelungene Kombination. Zusammen entwickelt beides eine exotische Süßnote, die die an sich penetrante vegetabilische Säure des Krauts entschärft und harmonisiert. Damit spielt der Curry hier eine ähnliche Rolle wie die Unmengen an Fett, die üblicherweise in Sauerkraut-Gerichten verklappt werden. Ohne Wurst und mit etwas moderateren Mengen an Öl wäre das vielleicht eine elegante Lösung für eine kleine Frühlings-Diät. Aber daran muß ich noch basteln. Fakt ist, daß der Klassiker Würstchen mit Sauerkraut – nichts entfaltet das deftige, fleischige Aroma einer guten Wurst besser als Sauerkraut – durch die currywurst-typischen Aromen nicht etwa zerstört sondern im Gegenteil bereichert wird. Während die Säure des Krauts ohne Curry manchmal zu hart gegenüber dem weichen, aromatischen Fleisch wirkt und dieses wiederum unangenehm tranig wirken läßt, bringt die exotische Würzigkeit des Currys das zarte Fleischaroma exzellent zur Geltung. Die elegante Wirkung des Currys auf die Fleischwurst zeigt sich erstaunlicherweise erst hier, wo man die Tomate einmal zum Nebendarsteller degradiert.

Die kräftigen, leicht bitteren und etwas nussigen Karamell- und Röstnoten des Schwarzen Herzogs sind eine wunderbare Abrundung für den orientalischen Süß-Sauer-Charakter des Gemüses und gleichzeitig ein guter Durstlöscher zur fettigen Wurst. Nach ein paar Flaschen davon tun die hilflosen Dialoge in der Flimmerkiste dann auch schon garnicht mehr so weh. Allerdings bleibt trotzdem der fade Nachgeschmack, daß der ältliche Traumschiff-Duktus selbst durch Killerviren – die spätestens seit Outbreak im Grunde auch kalter Kaffee sind – nicht moderner wird.

Ich will meine Fernsehgebühren zurück.

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Die HBX-Stadtbrauerei

…am Aegi in Hannover

Man könnte jetzt trefflich diskutieren, was Salat auf einem Currywurst-Teller zu suchen hat. Fakt ist jedoch, daß die fein mit Ketchup benetzten Rucola-Blättchen in diesem Menü eindeutig das Tüpfelchen auf dem i waren. Die Ketchup-Soße, die nicht unbedingt spektakulär aber recht gut war, schmackhaft wenngleich etwas ohne Profil, entfaltete im Kontrast zur vegetabilischen Bitterkeit des Salats erst richtig ihre tomatige Fruchtigkeit. Ein wirklich fantastisches Arrangement aus bitter und süß, aus vegetabilisch und fruchtig, aus gesund und lecker. Wenn das HBX Brauhaus seine C-Wurst mit gehacktem Rucola bestreut servieren würde, könnte der Laden glatt Kultstatus entwickeln.

Möglicherweise ist „Gegensätze ziehen sich an“ ein grundlegendes Konzept. Aber auch das wäre keine Entschuldigung dafür, zum selbstgebrautem Bier einen industriell gefertigten Schweineprängel mit Geschmacksverstärker zu reichen.

Widmen wir uns zunächst dem Bier, denn das ist wirklich einen Besuch wert. Wer das HBX-Hausgebräu bestellt, bekommt etwas deutlich anderes als das, was der durchschnittliche Heide-Bürger normalerweise erwartet, wenn es Gerstensaft Pilsener Brauart bestellt. Die dunkelorange Färbung erinnert an Bernstein; die flache, dichte rötlich weiße Blume kündet bereits vom niedrigen Kohlensäuregehalt und der seidig-öligen Textur. Überwältigend ist dann der ganz von süßen, leicht malzigen, sich sofort am Gaumen ausbreitenden Fruchtnoten – Quitte mit etwas Stachelbeere – dominierte Anklang. Wer die herbe und würzige Frische eines norddeutschen Pils erwartet hat, stutzt zunächst. Würzigkeit entsteht nicht so sehr durch den Hopfen sondern eher durch den nussigen und ganz leicht rauchigen Eindruck im Abgang und sehr dezente Gewürznoten im Hintergrund. Der Hopfen zeigt sich zunächst auch erst nur leicht im Abgang.

Die feinen Blasen kribbeln ob der leicht dickflüssigen Textur nicht sondern reizen Zunge und Gaumen unterschwellig gerade so, daß daß das Bier nicht schwer und süß sondern ausgewogen und durstlöschend wirkt. Diese Ausgewogenheit zwischen Textur und Kohlensäuregehalt – noch dazu vom ersten bis zum letzten Schluck – sucht ihresgleichen.

Mit der Zeit verschiebt sich das Geschmackserlebnis. Die betont gefälligen Fruchtnoten – die sonst mit der Zeit wahrscheinlich langweilig würden – weichen nach und nach rustikalem Karamell mit ganz leichten Röstnoten. Von Schluck zu Schluck bildet sich ein immer längerer Abgang, in dem Hopfen und Karamell eine überraschend harmonische Allianz eingehen, heraus.

Vor diesem Hintergrund wird auch die im Kontrast zur recht würzigen Wurst auffallend milde, fast langweilige Soße und der recht sparsam eingesetzte eher milde, süßliche Curry verständlich. Zwischen der milden Süße der Soße und des Bieres, den Röstnoten der Wurst, der für Ketchup fast etwas dünnflüssigen Konsistenz der Soße und der leichten Öligkeit des Bieres entsteht ein wirklich gelungenes Zusammenspiel auf den Ebenen von Aroma und Textur. Daß dieses primär der Regel von Harmonie zwischen gleichartigen Charakteristiken folgt, ist zunächst kein Nachteil. Erst auf den letzten Zentimetern der Wurst entsteht möglicherweise der Eindruck von Eintönigkeit. Hier ist der Rucola das Mittel der Wahl, um in die Harmonie der Gleichartigkeit eine Harmonie der Gegensätze einzubringen und dem Ganzen insgesamt noch etwas mehr Pfiff zu verleihen.

Danke für die Salatbeilage!

Die Wurst an sich war eine qualitativ eher hochwertige Supermarkt-Wurst, an der die Zugabe an Geschmacksverstärker der einzige wirkliche Kritikpunkt ist. Zunächst hat sie dadurch zwar ein positives, würzig fleischiges Aroma. Mit der Zeit merkt an aber doch, daß es nur Fassade ist. Zubereitet ist sie gut. Das Brät ist saftig und hat genau die richtige Konsistenz. Der relativ hohe Fettgehalt belastet vielleicht das Gewissen, ist dem Geschmack aber eher zuträglich. Die Pelle ist nicht zäh, bietet beim Zubeißen aber gerade den Widerstand, den es braucht um nicht breiig zu wirken. Im eben beschriebenen Gesamtkonzept ist die Würze und das Fett-Aroma fast zu dominierend um dem oben beschriebenen Zusammenspiel der Aromen ausreichend Raum zu lassen. Es bleibt zu hoffen, daß HBX irgendwann die Großmarkt-Wurst durch ein etwas milderes aber dafür von sich aus fleischiges Produkt von einem hochwertigen Metzger ersetzt, gern auch eins mit nennenswertem Rindfleisch-Anteil. Das wäre sicher die angemessenere Würze in diesem Gesamtkonzept.

Die Pommes Frites kamen offensichtlich aus der Tüte. Sie waren knusprig und schmackhaft. Aber sie waren so sehr Standard-Pommes, daß man als Ingenieur unwillkürlich nach der Seriennummer zu suchen beginnt. Auch hier ging der individualistische Charakter des Brauhaus-Konzeptes flöten. Das größere Problem ist jedoch, daß die Pommes Frites das Geschmackskonzept vollkommen sprengen. Das fettige Kartoffel-Aroma nimmt dem Bier gänzlich seine Frucht- und Karamell-Noten – oder anders formuliert alles, was es interessant macht. Wenn es unbedingt Pommes Frites sein müssen, wäre ein kräftigeres Bier anzuraten. Aber da das Pils eigentlich das besondere in diesem Menü ist, wäre es eher anzuraten, einfach Brot oder vielleicht gekochte Kartoffeln zur Wurst zu bestellen.

Insgesamt ist HBX positiv zu bewerten – nicht zuletzt auch durch reizvolles Bar-Ambiente, schönes Erscheinungsbild des Essens auf dem Teller und freundliches Personal – was allerdings bei dem Kontrast zwischen Marketing mit hauseigenem Bier und Essen aus der Tiefkühltruhe ein wenig gekünstelt und unauthentisch wirkt. Da die Wurst Geschmacksverstärker enthält, kann das Urteil nicht besser als „durchschnittlich“ lauten. Doch das ist durchaus verdient. Die kleinen Schönheitsfehler und Disharmonien sind dem Genuß letztlich nicht abträglich und liefern vielleicht Anlaß zur Weiterentwicklung. Potential, um etwas besonderes zu bieten, ist vorhanden.

 

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